Yoko Ogawa – Insel der verlorenen Erinnerung

Yoko Ogawa – Insel der verlorenen Erinnerung

“Dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch irgendwann Menschen.” An dieses Zitat muss die junge Schriftstellerin denken, während sie zusieht, wie alle Bücher der Insel verbrannt werden. Romane sind über Nacht verloren gegangen, wie so viele Dinge zuvor haben sie auf mystische Weise ihre Bedeutung im kollektiven Gedächtnis der Inselbewohner verloren. Und man ist gründlich: Alle Spuren an verlorene Dinge wird ausgelöscht, vernichtet und mit Razzien bis auf das letzte Fitzelchen beschlagnahmt.

Wohin führt uns Yoko Ogawa mit ihrem Roman? Ist es eine magische Welt, eine Dystopie der vergesslichen Menschen? Ist es eine Insel, auf der alle Personen einer seltsamen Krankheit anheim gefallen sind? Oder handelt es sich gar um eine brutale Meinungsdiktatur, die alles Menschliche, Kreative und Schöne Stück für Stück verbietet?

Man begleitet eine junge Schriftstellerin, die auf einer namenlosen Insel lebt, auf der alle gleichzeitig bestimmte Dinge vergessen. Genauer gesagt verlieren diese Dinge so vollständig an Bedeutung für die Menschen, dass sie ebenso nicht existent sein könnten. Dabei scheint es vollkommen willkürlich, was vergessen wird und wann es passiert. An einem Tag verlieren Briefmarken ihre Bedeutung, am nächsten Tag wird ein Beruf vergessen. Rosen, Obst oder eine bestimmte Vogelart: Was vergessen wird, verschwindet kurz darauf vollkommen von der Insel. Welche Rolle spielt die Regierung bei dem “Vergessen”?
Es scheint, als würden sich die Vorfälle häufen, immer schneller verschwinden mehr Dinge. Und auch Menschen verschwinden: Sie werden von der Regierung abgeholt oder versuchen sich zu verstecken. Es soll Abweichler geben. Personen, die nicht vergessen, wie die anderen.

Spannenderweise ist es nicht die junge Schriftstellerin, sondern einige Personen in ihrem Umfeld, die nicht von dem magischen Vergessen befallen werden. Gerade die immer weiter beschränkte Erzählperspektive der Erzählerin gibt diesen Buch eine derart intensive Spannung, dass man zwischenzeitlich das Gefühl hat, kaum noch atmen zu können. Ein solches Leseerlebnis hatte ich in der Form noch nicht. Intensiv, beklemmend und zugleich vertraut und unheimlich fremd.

Yoko Ogawa ist die Meisterin des Vagen, des Unausgesprochenen. Sie lässt in dieser Geschichte viel Raum für Interpretation. Ihre Ich-Erzählerin nimmt einen mit auf eine Reise in eine beschnittene, zensierte Welt. Man beginnt sich zu fragen: Was würde ich niemals vergessen wollen? Ab welchem Punkt würde für mich alles kippen und die Welt ihren Sinn für mich verlieren?

Ein wenig kühl, distanziert und in zuweilen verstörenden Bildern erzählt Yoko Ogawa eine so intensive Geschichte, die viele große Themen und Probleme unserer Zeit in dem Sinnbild einer verschwindenden, namenlosen Insel in sich vereint. Doch auch in all dem Schrecken, der Angst und Verunsicherung, in dem leisen Ausblenden der Welt findet sich noch ein Funken Liebe. Es gibt Freundschaften und Zusammenhalt, kleine Momente des Glücks. Das ist für mich das Stärkste an diesem Roman – die Menschlichkeit in den kleinen losen Bruchstücken zu zeigen.

Eure Mareike

Bei anderen Blogger*innen:

Bei Readpack.de
Bei Klappentexten
Bei Leseschatz.com
Bei Buch-haltung.com


Yoko Ogawa – Insel der verlorenen Erinnerung
Aus dem Japanischen von Sabine Mangold
Verlag: Liebeskind
Gebunden, 352 Seiten