Yaa Gyasi – Ein erhabenes Königreich

Yaa Gyasi – Ein erhabenes Königreich

Gifty ist die Erfolgsgeschichte ihrer Einwandererfamilie: Als schwarze Frau in den Neurowissenschaften der Stanford Universität erforscht sie Suchtverhalten an Mäusen. Der Hintergrund wird schnell deutlich: Ihr Bruder starb in ihrer Kindheit an einer Überdosis. Ihre Trauerverarbeitung führte sie schließlich in die Wissenschaft und zum Erfolg. Fakten und Statistiken sind ihre Sprache – hier fühlt sie sich sicher.

Gifty ist aber auch die Übriggebliebene, das weniger gewünschte Kind. Ihre an Depression erkrankte Mutter macht ihr immer wieder grausam klar, dass ihr Verlust sie weniger getroffen hätte als der Weggang des Vaters zurück nach Ghana oder der Drogentod des geliebten Sohnes. Und doch brauchen die beiden einander. Die tief religiöse Frau, die für das Glück ihrer damals jungen Familie nach Amerika ging und dort in Zwölfstunden-Schichten die Familie durchbrachte, findet einfach keinen Bezug zu ihrer rationalen, wissenschaftsfokussierten Tochter.

Als ihre Mutter erneut in eine depressive Phase rutscht und Gifty sie plötzlich bei sich aufnehmen muss, kommen die Erinnerungen an die letzten Male, an all die vorangegangenen Phasen, wieder hoch. All die Verletzungen, aber auch die verbindenden Momente, der unbändige Wille der Mutter, ihren Kindern ein gutes, gottesfürchtiges Leben zu ermöglichen, wird in der Rückschau deutlich.

Ein interessanter, nicht spannungsfreier Plot, der einen modernen, aber auch intimen Blick auf die Bedeutung von Glaube und Kirche wirft. In den verschiedenen Lebensphasen der Familie ist es das Spannungsfeld von Kirchengemeinschaft und Wissenschaft (Bildungssystem), das ihnen Halt und Anlaufstellen in ihrem Leben weitab ihrer ursprünglichen Kultur gegeben hat.
In den Rückblicken wird deutlich, wie der Glaube und die Sehnsucht nach Zugehörigkeit auf vielen Ebenen die Familie auseinandertreibt, statt sie zusammenzubringen.
Die Mutter findet Anschluss in der evangelikalen Kirchengemeinde und wünscht sich auch für ihre Kinder den Halt im Glauben. Doch geht jeder von ihnen anders mit dem täglichen Rassismus, dem Leistungsdruck und der komplizierten Familiensituation um. Als der Vater von einer Reise nach Ghana nicht zurückkehrt, verschärfen sich die Verhaltensmuster und die Familie droht endgültig zu zerbrechen.

Ein bitterer und zugleich ruhiger, mit Blick für Details und kleine Gesten erzählender Roman. Auch der zweite Roman von Yaa Gyasi zeigt wieder ihr Talent für die klare Erzählweise, für leise Töne und komplexe Familienstrukturen.

Eure Mareike


Yaa Gyasi – Ein erhabenes Königreich
Übersetzt von Anette Gruber
Verlag: Dumont
Gebunden, 304 Seiten