Wenn sich dein Lesen verändert

Posted on

In den letzten Jahren hat sich einiges verändert. Wenn ich auf die Anfänge unseres Blogs denke und mir die damals gelesenen Bücher anschaue, ist der Anteil von leichter Unterhaltungslektüre und historischen Romanen noch sehr hoch. Auch heute lese ich solche Titel noch ab und an, doch bin ich inzwischen weitaus kritischer.

Motive und gewisse Plotstrukturen erkenne ich inzwischen recht routiniert und können mich deshalb nicht mehr so fesseln, wie vielleicht noch bei den ersten 2-3 Malen.
Jedoch ist es weniger meine gestiegene Leseerfahrung, die mich in den letzten Monaten deutlich häufiger zum Abbruch eines Buches gebracht hat. Nein, es ist meine deutlich gesunkene Toleranz gegenüber Rollenklischees und stereotypen Denkmustern in Romanen.

Während ich früher viel leichter über Klischees aller Art hinweglesen konnte, stoßen mir alle Formen von “sie war halt eine typische Frau”- oder “wie alle Jungen seines Alters”-Plattitüden inzwischen arg auf.
Ich frage mich, ob ich sowas früher in Ordnung fand oder einfach überlesen habe.

Wenn man wach ist und veraltete Denkmuster entlarvt

Heute lässt es mich immer weniger los und bringt mich regelrecht aus dem Lesefluss.
Ein Beispiel ist das aktuelle Buch von Anna Quinten: Der Platz im Leben.
Ich habe den Roman gelesen und bis zu einem gewissen Grad sogar gemocht. Bis doch die klaren Rollenverteilungen in den Köpfen der Figur (und meiner Meinung nach in der gesamten Erzählweise) immer deutlicher zutage traten. Ein gealtertes Middle Class-Paar lebt in einer gediegenen Häuserzeile mitten in New York. Sie führen eine eher eingeschlafene, frustrierte Ehe in routinierten Bahnen, oder wenn man so will: Sie leben ihre Leben nebeneinander her. Die Kinder sind aus dem Haus, die Kinderfrau wird nur aus Nettigkeit weiterhin beschäftigt und die nachbarschaftlichen Skandälchen sind das Salz in der wässrigen Suppe ihres Alltags.

Alles schön und gut. Ein interessantes, manchmal entlarvendes Sittengemälde einer Straßengemeinschaft im Spannungsfeld zwischen gehobener Mittelschicht und den Menschen, die für sie arbeiten. Doch am Ende bleibt ein fader Beigeschmack, weil immer wieder kleine Nebensätze fallen, die mich ärgern. Über das, was “die Frauen” reden und was “die Männer” interessiert. Über Erwartungen an Häuslichkeit und die gemeinschaftsstiftende weibliche Gastgeberin – nur kleine Einschübe zwar, doch stolperte ich wiederholt darüber.

Ich war versucht dieses Buch abzubrechen, weil ich mich mehr modernen, jungen Autor*Innen zuwenden möchte, mehr lesen möchte, was meinen eigenen Blick weitet und nicht einengt, wie es dieses Buch tat.

Doch das ist nur ein Beispiel von vielen. Besonders ältere männliche Autoren haben es bei mir aktuell nicht leicht. Ich habe weniger Geduld mit ihren Beschreibungen von weiblicher Eleganz, von weiblicher Perspektive und vor allem weiblichem Empfinden. Wenn man erst einmal beginnt, darauf zu achten, wie Männer über Frauen schreiben, welche Attribute in Romanen für weibliche und welche für männliche Figuren reserviert sind, dann kann man nur schwer aufhören.

Was kann ich also tun, um zu meinem unbeschwerten Lesen von vor ein paar Jahren zurückzufinden? Werde ich jemals wieder gewisse Bücher unkritisch lesen können?
Die Antwort darauf kann ich jetzt nicht mit absoluter Sicherheit geben, doch glaube ich nicht, dass ich – einmal den Blick für bestimmte Themen und Sachverhalte geschärft – einfach wieder aufhören werde sie zu bemerken. Das finde ich aber nicht schlimm! Im Gegenteil! So soll es sein und ich möchte noch viel mehr bemerken und mich mit meinen eigenen Grenzen, meinen eigenen blinden Punkten noch verstärkt auseinandersetzen.

Wenn das bedeutet, dass ich dadurch das ein oder andere Buch nicht mehr lesen mag, dann ist das ein Preis, den ich gern zahle. Dafür verändert sich der Buchmarkt auch so rasant mit, dass es genug alternative Literatur gibt, der ich mich widmen mag.

Denn gute Bücher helfen, die eigene Meinung zu finden, den Blick zu schärfen und am Ende weitaus selbstbewusster die eigene Meinung zu vertreten. Sie helfen, fundierte Entscheidungen zu treffen und mehr zu der outspoken Person zu werden, die ich werden möchte.

Hat mein Lesen nun eine Agenda?

Nein, Lesen ist schlussendlich immer noch ein Hobby, aber bei weitem mehr als nur simple Unterhaltung. Es ist ein Bildungsinstrument und für mich soll es das auch weiterhin bleiben. Ich möchte gezielter und teilweise ausgewählter lesen. Das bedeutet aber auch, dass ich weitaus weniger aktuelle Hypebücher lesen möchte. So reizen mich viel mehr gewisse feministische oder philosophische Klassiker, die ich eigentlich seit Jahren lesen möchte.

Und wenn ein Buch gewisse Themen auf eine Weise anspricht, die ich diskriminierend oder unreflektiert finde, werde ich diesen Punkt in Zukunft stärker in meine Bewertung des Titels einfließen lassen.

Eure Mareike

  • Share

5 Comments

  1. Carola says:

    Ich finde kaum noch Buecher, die mich in irgendeiner Weise reizen. Ich vermisse die Zeit als Teenager, in der ich alles verschlingen konnte.

  2. Jana says:

    Hallo Mareike,

    vielen dank für diesen Beitrag. Mir geht/ging es ähnlich wie dir. Bei mir lag es hauptsächlich daran, dass ich viel YA gelesen habe. Also oft Geschichten mit DEM geilen Typen und der jungen Frau, die erobert wird oder beschützt werden muss. Mittlerweile hängt mir das zum Hals raus. Wobei ich vom Alter her, eh nicht in die Zielgruppe passe. Mittlerweile mag ich Geschichten mit starken Protas – egal ob Mann, Frau oder Diverse. Auch Bücher über wahre Geschichten und biografische Romane beigeistern mich akutell sehr. Ich liebe es wenn ich einem Charakter beim wachsen zusehen kann. Denn oftmals kann ich dabei auch etwas für mich “mitnehmen”.

    Trotzdem gibt es noch Zeiten, in denen ich gerne leichte Lektüre lese oder höre, in denen es wahrscheinlich vor Geschlechterklischees nur so wimmelt.

    VG
    Jana

  3. Mikka Gottstein says:

    Hallo,,

    ich weiß gar nicht mehr, wie oft ich schon gesagt habe, dass sich mein Lesegeschmack in den letzten Jahren, seit ich meinen Blog habe, drastisch geändert hat. Was ich 2012 noch verschlungen habe, reizt mich jetzt überhaupt nicht mehr – im Gegenteil. Mit Romantasy könnte man mich zum Beispiel inzwischen jagen, nicht nur wegen des katastrophalen Frauenbilds, das viele Romane dieses Genre haben.

    Ich muss allerdings gestehen, dass ich noch nicht bewusst darüber nachgedacht habe, inwieweit Klischees und das Frauenbild die Veränderung meines Lesegeschmacks beeinflusst haben. Ich habe einfach den Eindruck, dass ich inzwischen eher zu Büchern greife, die mich in irgendeiner Form herausfordern.

    Ein interessanter Beitrag! :-)

    LG,
    Mikka

  4. Nomadenseele says:

    “Doch am Ende bleibt ein fader Beigeschmack, weil immer wieder kleine Nebensätze fallen, die mich ärgern. Über das, was “die Frauen” reden und was “die Männer” interessiert. Über Erwartungen an Häuslichkeit und die gemeinschaftsstiftende weibliche Gastgeberin – nur kleine Einschübe zwar, doch stolperte ich wiederholt darüber.

    Besonders ältere männliche Autoren haben es bei mir aktuell nicht leicht. Ich habe weniger Geduld mit ihren Beschreibungen von weiblicher Eleganz, von weiblicher Perspektive und vor allem weiblichem Empfinden. Wenn man erst einmal beginnt, darauf zu achten, wie Männer über Frauen schreiben, welche Attribute in Romanen für weibliche und welche für männliche Figuren reserviert sind, dann kann man nur schwer aufhören.”

    Da habe ich überhaupt kein Problem mit. Frauen interessieren sich nun mal in der Regel z.B. weniger für Technik und Männer ziehen erfahrungsgemäß weniger über andere her, was ich sehr angenehm an ihnen finde. Und auch, wenn es muslöse Frauen gibt, ist dies wohl kaum weder die Regel, noch der Idealtypus.

    Autoren sollen schließlich nicht in Urban-Fantasy verfallen, nur weil es pc ist.

    1. Mareike says:

      Frauen interessieren sich weniger für Technik. Süß, aber auf so ein Niveau lass ich mich nicht für Diskussionen ein.

Leave a comment

Your email address will not be published.

Bitte erklär dich damit einverstanden, dass deine Daten einzig für den Zweck des Kommentarschreibens in unserem System gespeichert werden.