Von Spionen, fummelnden Eltern und Göttern in Hinterhäusern

Von Spionen, fummelnden Eltern und Göttern in Hinterhäusern

Das Gute an den weihnachtlichen Feiertagen ist für mich eindeutig die Lese-, aber auch die Reflektionszeit, die ich sonst so nicht habe. Die letzten Monate habe ich zwar schon ab und an ein Buch gelesen oder ein Hörbuch gehört, doch um meine Meinung zum Gelesenen/Gehörten in Worte zu fassen, war kaum Zeit. Nun stapeln sich die Bücher um mich herum auf meinem neuen Esstisch und ich versuche, für euch meine Gedanken zum Gelesenen zu strukturieren.

Ich stelle euch heute zwei beendete Bücher vor und gebe euch einen ersten Eindruck von meiner aktuellen Lektüre. Als Bonustrack gibt es dann noch mein aktuelles Hörbuch.

AUSGELESEN|

LARA PRESCOTT – Alles, was wir sind

Eine Mischung aus Spionage-Roman und Liebesgeschichte mit einer Prise Literaturgeschichte ist der Roman von Lara Prescott. Er erzählt aus mehreren Perspektiven die Entstehung und die Begleitumstände um den Roman “Doktor Shiwago” von Boris Pasternak, seiner komplizierten Beziehung zu seiner langjährigen Geliebten Olga und ihrem Leid, das diese Beziehung ihr brachte. Gleichzeitig wird die Geschichte von der jungen Irina und der Agentin Sally erzählt, die gemeinsam daran arbeiten, an das noch unveröffentlichte Manuskript von “Doktor Shiwago” heranzukommen, das gerüchteweise den Sowjets ein Dorn im Auge sein soll. Perfekt für die amerikanische Strategie, den Ostblock mit subversiver Literatur zu unterwandern.

Insgesamt ein sehr angenehmer Wohlfühlroman, der trotz seiner Dicke von über 450 Seiten keine Längen oder übermäßige Schlenker macht. Beide Handlungen – Ost wie West – waren spannend und nachvollziehbar und haben sich ergänzt, ohne zu konstruiert zu wirken. Kurz: Das Buch hat mich positiv überrascht. Bei dem kitschigen Titel und Klappentext hatte ich nicht einen so handfesten Roman erwartet.

STEFANIE DE VELASCO – Kein Teil der Welt

Esther muss weg. Ihre Eltern haben sie einfach ins Auto gesteckt und sind mit ihr – kurz nach der Wende – in ein kleines ostdeutsches Dorf gezogen. Weg von dem, was vorgefallen war, von ihren Freunden und von ihrer Gemeinschaft. Denn Esther und ihre Eltern sind Zeugen Jehovas und leben als solche abseits der Weltlichen in ihrer eigenen Parallelwelt. Wie anders diese Welt ist, wie sehr sich der Alltag, das Denken und der Blick auf das eigene Leben der Glaubensgemeinschaft von dem unseren unterscheidet, war mir nicht bewusst.

Mit wachsendem Staunen und ungeheuerlichem Tempo las ich mich durch das teilweise autobiographisch geprägte Werk von Stefanie de Velasco. Auf zwei Zeitebenen erzählt sie vom Davor und Danach – umkreist das Ereignis, das Esthers Leben in ihren Grundfesten erschütterte.

Intensiv und kraftvoll erzählt sie von einem Mädchen, das in einer Welt aufwächst, die nur auf den Untergang wartet und dabei wenig Raum für Leben, Liebe und Abenteuer lässt, und einer Freundschaft, die daraus auszubrechen versucht. Ein enorm gutes Buch!

Aktuell|

CLAIRE LOMBARDO – Der größte Spaß, den wir je hatten

Vier Schwestern, enorm unterschiedlich, doch in ihrem Unverständnis gegenüber den Eltern vereint. Die beiden lieben sich – sehr öffentlich – seit vierzig Jahren und stellen ihre Töchter mit ihren Versuchen, auch nur annähernd ein ähnliches Glück zu finden, durchgängig in den Schatten. Wie ist es, wenn man im Schatten einer solchen Liebe aufwächst? Und ist es überhaupt so innig, wie es immer scheint?

Ich habe jetzt etwa die Hälfte gelesen und bin sehr angetan von dem sehr differenziert erzählten Familienpanoramas. Stückweise merkt man, dass alle ihre eigene Wahrheit haben, sie alle Teil einer Familie sind, doch die Erfahrungen und Interpretationen des Erlebten sehr unterschiedlich sind. Das hängt mal vom Alter, mal von der Persönlichkeit der sehr unterschiedlichen Familienmitglieder ab. Doch kann ich quasi jeden verstehen, bin fasziniert von der feinfühligen Darstellung aller Figuren.

Mir persönlich sind über 700 Seiten ja eigentlich zu viel, doch ist die Handlung aktuell noch dicht genug, dass ich nicht gelangweilt bin.

HÖRBUCH|

REGINA SCHEER – Gott wohnt in Wedding

Im Wedding steht ein Haus, ein Jahrhundert alt, das viel erlebt hat. Kriege, Elend und die Zeit konnten ihm nichts anhaben – doch als die Investoren kommen, geht es langsam dem Ende zu. Aus der Perspektive des Hauses wird das Leben seiner Bewohner und flüchtigen Besucher erzählt. Es geht um gestrandete, heimat- und obdachlose, um unsichtbare und verschwundene Menschen. In zarter und zugleich intensiver, manchmal kaum auszuhaltender Weise erzählt Regina Scheer von jüdischen U-Booten – Menschen, die während des Zweiten Weltkriegs untergetaucht in Berlin versuchten zu überleben. Und auf einer anderen Zeitebene von den Roma und Sinti, die genauso um eine Heimat, eine Stimme und das Recht auf eine eigene Geschichte kämpfen. Es geht um Heimat, die Bedeutung von Freundschaft, Vergebung und alte wie neue Lebenswege, und schlussendlich immer um die Suche nach ein wenig Glück.

Dieser Roman ist so dicht, intensiv und manchmal schmerzhaft, dass ich sehr froh war, dass Johann von Bülow mit seiner ruhigen, zurückhaltenden Art den Figuren seine Stimme lieh. Besonders das Haus wird durch ihn lebendig und man meint, all die Jahrzehnte in seinen Worten hören zu können. Diese Geschichte wird mich noch länger begleiten.

Eure Mareike