Von Jägern, Einrichtungen und Herzklappen

Von Jägern, Einrichtungen und Herzklappen

Es ist kaum zu fassen, dass ich in den letzten Wochen so viele Bücher gelesen habe. Ich weiß gar nicht wo ich anfangen soll, um euch von all den tollen Büchern zu berichten. Deshalb kommen in den nächsten Tagen noch ein paar Artikel mehr.

FRIDA RAMSTEDT – Fühl dich wohl in deinem Zuhause

Ein Buch, das mich fast ein wenig zu spät erreichte. Als wir im vergangenen Sommer unser Haus entkernten und dann komplett neu aufbauten, wäre dieser Ratgeber Gold wert gewesen. Er ist genau das, nach dem ich schon etliche Jahre gesucht habe. So schafft es Frida Ramstedt sich völlig von eigenen Stilvorstellungen und Trends zu lösen und beschreibt auf einer viel abstrakteren und damit allgemeingültigeren Ebene Stil und sinnvolles Einrichten. In sehr gut aufgebauten Kapiteln beschreibt sie, wie Licht, Schatten, Symmetrie und gezieltes Lenken des Blickes dafür sorgen, dass wir einen Raum gemütlich oder eher kühl empfinden.
Sie gibt Tipps, wie man mit einfachen Regeln den eigenen Stil abseits von Trends findet und Ordnung ins Chaos bringt. Die Regeln sind so klar und simpel, dass man sie sofort begreift und auch schnell umsetzen kann. Darum: Hätte ich dieses Buch bereits vor einigen Monaten gehabt, wären mir sicherlich einige Entscheidungen leichter gefallen. Wir hätten vermutlich den Fußboden anders verlegt (Die Verlegerichtung beeinflusst das Raumgefühl – wenn man sowas einmal gezeigt bekommt, fällt es einem in jedem Raum auf!), und vielleicht würde auch der Kamin – aus ästhetischen Gründen – an einer anderen Stelle stehen. Auf jeden Fall werde ich mein neues Bücherregal nach der Dreiecksmethode (optisch den Blick durch Schwerpunkte in einem gedachten Dreieck anordnen wirkt besonders harmonisch) einrichten und bin jetzt schon begeistert von der Idee, nachdem ich einige Beispiele dazu im Buch gesehen habe.
Jeder, der sich schon immer mal gefragt hat, warum Einrichtungsbücher irgendwie nicht richtig rocken: Das lag daran, dass DIE Einrichtungsbibel noch nicht geschrieben war. Jetzt ist sie es! Wer dieses Buch gelesen hat, weiß danach sehr wahrscheinlich besser, was er mag und wieso ihm bestimmte Ecken besonders gut gefallen. Ein echter Mehrwert.

LANA LUX – Jägerin und Sammlerin

Das neue Buch von Lana Lux war eigentlich nur ein Zwischenbuch. Ich wollte mich von meiner eigentlichen Lektüre ablenken und dann machte es einfach PENG. Ich war schockverliebt. In die Sprache und die Dynamik dieses Romans. Ich hab mich verliebt in Alisa, die so zerbrechlich-zerbrochen in ihr junges Leben taumelt und ihre Mutter, die so stoisch einfach alles überlebt. Diese beiden Frauen sind so faszinierend, so offen verletzlich und schmerzlich ehrlich beschrieben, dass ich das Buch kaum beiseite legen konnte. Noch nie habe ich das Thema Bulimie und Magersucht so nah erzählt, so nachvollziehbar in einer Geschichte begleiten können. Ich habe mit Alisa mitgelitten und zugleich den Abgrund direkt kommen sehen, auf den sie zusteuern. Denn das beschreibt Lana Lux auf eine so elegante Weise: Mit gleichzeitiger Nähe und Distanz ermöglicht sie es den Leser*Innen zugleich unmittelbar in die Gedanken und Gefühle der Figuren reinzuschlüpfen und gleichzeitig deren pathologische Verhaltensmuster zu durchschauen. Nie führt einen Alisa in die Irre, doch man versteht sehr gut, warum sie sich jederzeit selbst betrügt.

Aufwühlend, rasant und doch irgendwie versöhnlich erzählt die Autorin von einer Einwanderung aus der Ukraine nach Deutschland, aber auch von einer Familie, die über Generationen einen tiefen Schmerz und einen Hunger nach Leben zu stillen versucht. Eins meiner Highlightbücher des Jahres.

VALERIE FRITSCH – Herzklappen von Johnson & Johnson

Tja, was soll ich sagen? Das Buch hatte ungefähr den selben Stand wie das von Lana Lux: Vorheriges Buch wurde hoch gelobt – junge Frau aus coolem urbanen eher intellektuellen Umfeld. Neues Buch kommt raus, Cover haut mich total um. Doch dann lese ich die ersten Seiten und finde einfach nicht in die Geschichte. Es geht auch hier um ein Trauma, das sich über mehrere Generationen zieht und sich indirekt und unausgesprochen weiter vererbt. Doch wo ich bei “Jägerin und Sammlerin” Nähe und Intensität, innere Konflikte und täglichen Kampf habe, finde ich bei diesem Buch nur etwas schwülstige Sätze, die ich oft mehrfach lesen muss und dann trotzdem ratlos bin. Es gibt die kriegsgebeutelten Großeltern, die aber kaum über diese Statusbeschreibung hinauskommen. Dann einen Jungen, der keinen Schmerz empfinden kann, dessen Geschichte aber irgendwie weit hinter ihrem Potenzial bleibt, und eine suchende junge Mutter, die vermutlich selbst nicht weiß, was sie eigentlich sucht.
Die Geschichte mündet in einen Roadtrip in die Vergangenheit des Großvaters, doch auch hier versandet wieder die Geschichte in hochemotional aufgeladenen Topoi. Kurz: Mir fehlt das Herz zur Klappe.