Von der Stille, dem Sinn und modernen Hexen

Von der Stille, dem Sinn und modernen Hexen

Der Oktober hat begonnen und ich habe wieder eine Runde Kurzbesprechungen für euch. Da ich regelmäßig Feedback bekomme, dass euch das Format gefällt, soll es auch in diesem Monat eine Ausgabe geben.
Dieses Mal sind es alles Titel, die ich stilistisch mochte, inhaltlich aber nicht immer folgen konnte.

Zorn und Stille

Nachdem ich von ihrem Debüt damals hingerissen war, freute ich mich sehr auf den neuen Roman von Sandra Gugic. 2015 erschien Astronauten und war stilistisch eine so eindringliche Lektüre, dass ich das Buch heute noch regelmäßig als Geheimtipp empfehle. Auch Stille und Zorn hatte mich bei den ersten Sätzen mit seinem einzigartigen Sound fesseln können.
Nach und nach wird aus den verschiedenen Perspektiven der Familienmitglieder ihre gemeinsame Geschichte erzählt. Die Geschichte der Gastarbeiterfamilie handelt von ihrem Blick auf das Leben, ihrer Suche nach Identität, Freiheit und ihren Wurzeln. Wir erfahren von der Fotografin und Künstlerin Billy Bana, die den Kontakt zur Familie komplett abgebrochen hat, von ihrer Mutter, die aus der hoffnungslosen, kriegsgebeutelten Heimat floh, um Billy und ihrem Bruder ein besseres Leben zu ermöglichen. Aber auch von einem Vater, der nie so recht in der neuen westlichen Welt ankam und dem kleinen Bruder, der eine Verbindung zu seinen Wurzeln, aber auch zu seiner Schwester sucht und schließlich bei seiner Suche verschwindet.
Ein Buch, das unterschiedliche Erfahrungen und Wahrheiten erzählt, sie nebeneinander stehen lässt, aber die Verbindung und damit Aussöhnung nicht immer zulässt. Dadurch bleiben ein paar Fragen offen, was ich schade fand. Und doch passen die Leerstellen irgendwie zu diesem Buch der löchrigen Biografien.
Wer Herkunft von Saša Stanišić gelesen hat, wird hier eine schöne Erweiterung der Thematik finden.

Das Buch beim Verlag

Shilpi Somaya Gowda – Was uns verbindet

Einer Familie widerfährt ein großes Unglück und zerbricht fast daran. Jeder muss seinen eigenen Weg aus der Trauer und zurück ins Leben finden. Während Mutter Jaya in ihrer Spiritualität und Einfachheit eine neue Quelle der Kraft findet, stürzt sich ihr Mann in die Arbeit und den stetigen Ausbau des eigenen Lebensstandards. Ihre Tochter Karina steht dazwischen, sucht einen neuen Ansatzpunkt, eine Identität für sich, und verliert sich schließlich in einer Gruppe von Menschen, die sie mehr und mehr isolieren und einnehmen. Dabei übertritt sie die Grenzen der Legalität und muss sich der soghaften Dynamik der Gruppe entziehen lernen, in der sie endlich eine Familie gefunden zu haben glaubte.
Dieser Roman ist reinstes Melodram. Sensibel werden die verschiedenen Figuren und ihre Arten der Trauerbewältigung beschrieben und doch passiert so viel Drama, dass ich es manchmal arg viel fand. Trotzdem hat es mich unterhalten.

Das Buch beim Verlag

Zaia Alexander – Erdbebenwetter

In ihrem Debüt Erdbebenwetter erzählt Zaia Alexander von modernen Hexen und der Suche nach Beständigkeit. Es ist die Geschichte von Lou und ihrer Ziehtochter und ihren Katzen, die im Haus eines ehemaligen Hexers wohnen. Die Kojoten nähern sich ihrem Haus und mit ihnen die Ahnung des Unglücks und der Bedrohung, die sie mit sich bringen. Zugleich wird geschildert, wie Lou aus ihrem alten Leben stückweise in die Welt des Hexers und seines Gefolges einzieht. Wie sie zum ersten Mal einen Kurs bei den Hexen besucht, der stark an Yoga erinnert, und doch auf einer nicht greifbaren Ebene mehr mit einem macht.
Während mir der Handlungsstrang um die Ziehtochter und die Katzen sehr gut gefallen hat, weil er sehr liebevoll schildert, wie sich zunächst das Mädchen und dann die Katzen einen Platz in Lous Leben erobern, ist die Erzählung um die Hexen merkwürdig vage und teilweise etwas unausgegoren. Hier wäre viel Potenzial für weitere Beschreibungen der Magie oder ihrer Lebensweise gewesen. Stattdessen kam einem der Hexer häufig weniger beeindruckend als ziemlich wirr vor. Einen modernen Hexenroman stelle ich mir hexenlastiger vor.

Das Buch beim Verlag