Vom Sticken, Dankbarkeiten und magischen U-Boote

Vom Sticken, Dankbarkeiten und magischen U-Boote

Diese drei Titel kann ich euch durchgängig empfehlen. Sie alle erzählen von Frauen, die ihren eigenen Weg suchen. Im Fall von Violet handelt sie still und ruhig gegen die Vorstellungen ihrer Zeit. Bei Miracle Creek geht es um Mutterschaft und Verantwortung – und den Verdacht, das eigene Kind getötet zu haben.
Dankbarkeiten erzählt von einer Frau, die am Ende ihres Lebens einen wichtigen Teil ihrer Persönlichkeit verliert und zugleich die zentrale Triebfeder ihres Handelns umso stärker fühlt: die Dankbarkeit.

TRACY CHEVALIER – VIOLET

Die Bücher von Tracy Chevalier lese ich seit vielen Jahren gern. Ihre Figuren sind stets Frauen, die ihre eigene kleine Nische innerhalb der männlich geprägten Machtstrukturen finden. Sie sind keine Rebellinnen, doch eben auch keine Frauen, die den üblichen Weg gehen. Ihre Romane sind stets ohne großen Knall oder viel Drama und vielleicht erscheinen sie einem dadurch etwas behäbig.
Doch lohnen sich ihre Bücher gerade darum immer sehr, so auch ihr aktuelles. Es geht um die jungen Frauen, die zwischen den Kriegsjahren dank des Männermangels eigene Freiräume erschließen. Ganz leise und elegant findet Violet ihren Weg als Junggesellin und lernt sich in der Berufswelt und gegenüber ihrer Familie zu behaupten. Sie findet bei den Rotherinnen (einem christlichen Stickzirkel) ihre Bestimmung und ihre Möglichkeit, der Welt ein Stück von sich zu hinterlassen.
Ich fand es wahnsinnig interessant, etwas über diese Gruppe von Frauen und ihre Arbeit zu erfahren. Statt dass die Frauen und ihre Arbeit abgewertet werden, wird sie als hohe Kunstfertigkeit dargestellt. Mit sehr viel Respekt und Blick fürs Detail wird das Leben einer beinahe unscheinbaren Frau erzählt, die sich ohne große Rebellion ihre Freiräume erkämpft – oder vielmehr durch Geduld und Feingefühl langsam aneignet.

Das Buch beim Verlag

ANGIE KIM – MIRACLE CREEK

Dieses Buch hat in den letzten Monaten für einige Begeisterung gesorgt. Entsprechend neugierig war ich auf die Lektüre. Es handelt sich um das Debüt einer aus Südkorea stammenden Amerikanerin, die von einer Gerichtsverhandlung erzählt, die eine ganze Kleinstadt in Aufregung versetzt. Eine Mutter steht vor Gericht: Sie soll eine therapeutische Sauerstoffkammer namens Miracle Submarine manipuliert und zum Explodieren gebracht haben. Dabei starben ihr Sohn und eine andere Mutter. War ihr das Leben mit einem autistischen Sohn zu viel geworden oder gab es einen anderen Grund für die Tat?
Doch wird neben dem eben dieser Mutter auch das der Einwandererfamilie erzählt, die dieses Therapie-U-Boot betreiben. Es ist ein Buch über Sehnsüchte, Hoffnungen und dem, was wir uns vom eigenen Leben erträumen. Alles vermengt mit einem spannenden und aufwühlenden Gerichtsprozess ergibt dies tatsächlich ein sehr interessantes Buch. Jedoch mit einigen Abstrichen, denn die Figuren waren mir teilweise etwas melodramatisch und die Darstellung von Autismus war teilweise sehr klischeebehaftet. Doch insgesamt ein interessantes Thema mit einem guten Aufbau.

Das Buch beim Verlag

DELPHINE DE VIGAN – DANKBARKEITEN

Wieder ein Buch einer Autorin, die ich seit Jahren verehre. Jedes Buch ist frisch und voll kluger Sicht auf die tiefen menschlichen Beziehungen. Zwar war der Roman nicht ganz so packend wie Loyalitäten (ein absolut grandioses Buch!), doch hat mich die Geschichte über eine ungewöhnlich starke alte Dame lange nicht losgelassen. Eine Frau, die zeitlebens mit Worten gearbeitet hat, als Redakteurin, als Lektorin – Sprache und ihre präzise Anwendung waren ihr Steckenpferd. Doch im Alter verliert sie langsam die Fähigkeit, die richtigen Worte zu verwenden. Sie entgleiten ihr, werden durch andere ersetzt oder hinterlassen klaffende Lücken. Mit dem Verlust der eigenen Worte geht auch ein Teil ihrer Persönlichkeit, sie verschwindet langsam. Für ihre Ziehtochter und auch für den jungen Logopäden, der mit ihr arbeitet, ein schwerer Weg.

Dankbarkeiten erzählt von dem, was uns jeden Tag antreibt, uns formt und zu dem macht, was wir sind. Delphine De Vigan erzählt Menschen und Begegnungen, die so tiefe Dankbarkeit empfinden, dass sie darin eine Triebfeder für ihr Leben gefunden haben. Und damit rührt sie – wie auch schon in Loyalitäten – eine der wichtigsten Merkmale unserer Menschlichkeit an. Sie schafft es wieder auf sehr berührende Weise mehr als ein Gefühl, sondern vielmehr eine wichtige menschliche Antriebskraft und Fähigkeit, so klar und sensibel zu beschreiben, dass man meint, den Menschen an sich als Wesen besser verstehen zu können.
Das ganz große Ganze in schlichten Geschichten einzufangen ist wohl eine der höchsten Künste und Delphine De Vigan beherrscht sie.

Das Buch beim Verlag


Eure Mareike