Staub der Zeit – Wiederentdeckungen von Literatur

Staub der Zeit – Wiederentdeckungen von Literatur

In meinem Germanistikstudium dachte ich nicht viel über die Verbindung von meiner Lebenswirklichkeit zur Literatur nach. Literatur war meist etwas, was von alten weißen Herrschaften aus gutem Hause vor etlichen hundert Jahren verfasst worden ist.
Der Bezug zu meiner Wirklichkeit, zu meinem Blick auf die Welt und auch, wie ich Frauen wahrnahm, hatte keinerlei Deckung mit dem, was ich in Büchern fand. Bücher waren eine gute Flucht, ein Blick in eine andere Welt, in fremde Köpfe aus fernen Zeiten.

Erst mit dem Wechsel in die vergleichende Literaturwissenschaft begann ich mich stärker mit Autorinnen und Literatur abseits des vermeintlichen Kanons zu beschäftigen. Ich hatte kluge, aufgeschlossene Professorinnen, die uns dazu brachen, zu hinterfragen. Ist das wirklich ein umfassendes Bild der Zeit? Wieso schreibt ein Autor aus der weiblichen Perspektive? Kann das authentisch sein?

Und doch blieb das Bild irgendwie einseitig. Das, was über die Jahrhunderte an Literatur im kollektiven Gedächtnis geblieben ist, ist sehr weiß, westlich, privilegiert und männlich. Das bedeutet aber nicht, dass es nur diese Literatur gab. Es GAB Literatur von Frauen, von farbigen und eben auch Literatur von farbigen Frauen. Wir Leser*innen sind darauf angewiesen, dass heutige Verlage auch den Mut haben, nicht nur immer Neues auf den Markt zu werfen (und schlimmstenfalls die bestehenden Strukturen aus privilegierter Perspektive zu zementieren), sondern tiefer zu gehen, nach vergessenen Schätzen der Literatur zu graben. Ich werde immer neugierig, wenn ein Titel mit “Wiederentdeckung” angekündigt wird. Denn ich frage mich stets: Was führte dazu, dass dieser Titel in Vergessenheit geriet? Fehlendes Talent oder die gesellschaftlichen Strukturen?

Bisher hält es sich etwa bei einer Erfolgsquote von 70%, dass ich sage: Ja, dies ist wirklich eine Wiederentdeckung. Bei den anderen Titeln handelt es sich oft um Werke, die sehr an den Zeitgeist verhaftet und stilistisch nicht gut lesbar sind.
Doch manche Titel haben einen so unverwechselbaren Sound, dass man sich direkt in die damalige Zeit versetzt fühlt. Man bekommt Perspektiven gezeigt, die das Bild der Zeit in ein völlig neues Licht rücken.
Besonders Werke von Schriftsteller*innen abseits der oben genannten privilegierten Echokammer der Literatur bieten uns heute weitere Blickwinkel, Stimmen von maginalisierten Gruppen und zeigen oft Missstände auf, die die etablierten Schriftsteller meist gar nicht wahrnahmen.

Über die letzten Jahre habe ich immer wieder Titel gelesen, die meinen Horizont erweitert und mich bereichert haben. Denn auch das kann und sollte Literatur, und ist heute einer meiner wichtigsten Anreize, zum Buch zu greifen.
Einen kleinen Überblick über wiederentdeckte Bücher findet ihr hier: