Sina Pousset – Schwimmen

Sina Pousset – Schwimmen

Zu Beginn des Jahres hat der Ullstein Verlag ein neues kleines Label gelauncht: Ullstein fünf greift die Gründungsgeschichte des Verlags auf: Fünf Brüder gründeten damals einen neuen, modernen Verlag, in dem jeder der fünf seine Stärken einbrachte. Nun knüpft man über 100 Jahre später an diese Tradition an und bietet in diesem Imprint jungen, modernen Talenten abseits des Massengeschmacks ein Zuhause. Hier erscheinen pro Halbjahr ausgewählte Titel von Schriftstellerinnen und Schriftstellern, die noch unbekannt sind und sich über Genregrenzen hinweg bewegen. 

“Schwimmen” ist der Debütroman von Sina Pousset, die als Journalistin für Süddeutsche Zeitung, jetzt.de und Zeit Online schreibt. Doch ihr Erstling liest sich, als hätte sie ihren Stil bereits gefunden. Mit einer Sprachsicherheit und Eleganz führt sie in die vage, fast nebelige Erzählwelt von Milla, die mit ihrer kleinen Ziehtochter Emma zusammenlebt. Man erfährt erst Stück für Stück, ganz behutsam, was im Fokus dieser Geschichte steht, wer diese beiden sind und was sie verbindet. 
An einem ganz normalen Tag bringt Milla Emma zum Kindergarten. Es ist etwas kühler, der Herbst kündigt sich an und Milla greift sich den alten Mantel von Jan, ihrem besten Freund. Als sie in die Taschen fasst, findet sie darin einen Zettel mit seiner Handschrift. Es ist nur eine kleine Einkaufsliste – scheinbar nichts Besonderes. Doch in Milla löst es etwas aus. Es scheint, als erwache sie aus einer jahrelangen Schockstarre und beginnt sich zu fragen, wie lange man in Trauer verharren kann. 
Denn Jan ist gestorben. Vielleicht war es Selbstmord, vielleicht ein Unfall, hier bleibt Milla vage, denn so sehr will sie doch noch nicht an der Wunde kratzen. 
Doch sie beschließt, dass sie zu Kristina fahren und sie aus der Heilanstalt rausholen muss. Sie braucht Antworten und Emma endlich ihre Mutter. 

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Ganz langsam, fast mit chirurgischer Präzision, nähern wir uns dem Sommer, in dem Jan beim Schwimmen verunglückte. Wir erfahren viel über Millas und Jans Kindheit, über ihre enge, fast symbiotische Freundschaft. Auch über die scheinbar endlosen Sommer bei ihrer Großmutter in der französischen Provinz und die gemeinsame erste Wohnung im Studium. Ihre Beziehung ist einzigartig und entzieht sich klassischen Kategorien – wie eigentlich alle Beziehungen im Buch. 
Freundschaften, Liebesbeziehungen, Familie: All diese Begriffe sind unscharf und gehen ineinander über. Wie der gesamte Roman ist nichts fest und man findet keinen richtigen halt. Wie die Protagonisten fühlt man sich auch als Leser, als würde man schwimmen. Schwerelos und nach Halt ringend bewegt man sich durch die tragische Freundschafts-Liebes-Familiengeschichte von Milla, Jan und Kristina. Und erfährt schließlich die Gründe für Jans Tod – oder zumindest verschiedene  Deutungsmöglichkeiten. 
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Fazit

Man muss diese intensive, melancholische, aber nie selbstmitleidige Stimmung einfach lieben. All die Figuren, ihre Geheimnisse und ihr Schmerz werden so unmittelbar und zart beschrieben, dass ich den Roman kaum aus der Hand legte. In einem sehr intensiven Lesetag habe ich Sina Poussets Debüt wirklich verschlungen. Das perfekte Buch für dunkle Herbsttage, wenn der Nebel die Übergänge zur Dämmerung wegwischt und die letzten Blätter fallen. Genau dann sollte man zu “Schwimmen” greifen und Millas ungewöhnlicher Geschichte lauschen. 
Eine ausdrückliche Leseempfehlung!

Eure Mareike


Sina Pousset – Schwimmen 
Verlag: Ullstein Fünf
Gebunden, 224 Seiten, ca. 18 Euro

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