Shida Bazya – Drei Kameradinnen

Shida Bazya – Drei Kameradinnen

Alles beginnt mittendrin: Ein Großbrand hat in einem Mehrfamilienhaus etliche Opfer gefordert. Angeklagt – laut reißerischem Zeitungsartikel – sei eine islamistische Terroristin namens Saya. Ihre Nähe zu linken Netzwerken und ihr migrantischer Familienhintergrund seien nur einige Hinweise auf ihre Täterschaft.

Hier setzt der Roman ein: Saya “im Knast”, ihre Freundin Kasih wird die ganze Nacht hindurch in einem Brief die eigentlichen Ereignisse aufschreiben. Die Wahrheit, nicht das von Vorurteilen und Othering geprägte Narrativ der Presse und der Justiz.

Anfang – Mitte – Hauptteil. Eine Geschichte sei so zu gliedern, lernte sie damals in der Schule. Dass eine Geschichte aber eben nicht immer so zu erzählen sei, betont Kasih in ihrer Beschreibung der Ereignisse immer wieder. Sie spielt nach ihren eigenen Regeln. Erobert sich einen eigenen Sprach- und Wirklichkeitsraum mit ihrer ganz eigenen Erzählweise. Sie führt uns immer wieder hinters Licht, aber viel häufiger noch führt sie uns und unsere internalisierten Vorurteile vor. Sie spielt mit den Mustern, in denen weiße Cis-Menschen in Berlin denken, wie die deutsche Medienwelt tickt und eine weiße, normierte Weltsicht vorherrscht.

Sie will an den Kern der Ereignisse vordringen und zugleich macht sie immer wieder deutlich, dass sie eine unzuverlässige Erzählerin ist. Sie spielt mit den Leser*innen. Lotet Wege aus, beleuchtet Dinge von einer anderen Perspektive. Und doch bleibt eins ganz klar: Die Freundschaft von Kasih, Saya und Hani. Die drei Freundinnen kennen sich seit der Schulzeit und haben sich – mal enger, mal eher lose – immer miteinander verbunden gefühlt. Blieben in Kontakt, als Saya ins Ausland ging und ein neues Leben begonnen hat.

Sie erzählt in Rückblenden das Aufwachsen in ihrer Siedlung, von Gentrifizierung, Ghettoisierung und kleinen Momenten im Alltag, in denen sie ihr Anderssein spürten. Die Blicke auf die Kopftücher der Tanten oder die latenten Vorurteile gegen Lanis slawische Herkunft. Wie kleine Nadelstiche – Mikroaggressionen, wie ich bei Alice Hasters lernte – sticht es an allen Ecken. Kaum eine Erinnerung, eine Party oder ein Abend mit Freunden ohne diese Nadelstiche. Unendlich viele Wunden, beharrlich von einer Gesellschaft zugefügt, die nicht bereit ist, sich mit ihrem internalisierten Rassismus auseinanderzusetzen.

Drei Kameradinnen ist ein enorm beeindruckender Roman – stilistisch wie auch inhaltlich zugleich anspruchsvoll und fesselnd. Shida Bazyas zweiter Roman hat meine Erwartungen weit übertroffen: Vielseitige Figuren, intensive drängende, ja, wilde Handlung, und zugleich eine melodische Erzählweise machen dieses Buch zu einer der eindringlichsten Lektüren der vergangenen Jahre.

Eure Mareike


Shida Bazya – Drei Kameradinnen
Verlag: Kiepenheuer&Witsch
Gebunden, 352 Seiten