Sarah Moss – Geisterwand

Sarah Moss – Geisterwand

Was ist es, was uns von den Menschen alter Zeiten unterscheidet? Sind es unsere modernen Ansichten? Unser Wissen über Wissenschaft, Technik und Natur? Es ist schwer zu sagen, was es wirklich ist, denn vieles hat sich nur glatt geschliffen unter den modernen, bequemen Leben mit Zentralheizung und Supermarkt.
Die Gewalt findet hinter verschlossenen Türen statt und ist nach wie vor immer noch erschreckend oft Teil von Kindererziehung und Partnerschaft.

Also, haben wir uns weiterentwickelt seit der Zeit der Wikinger und Inquisitionen? Sind wir anders als diejenigen, die für eine reiche Ernte eine junge Frau opferten? Als die, die das Blut einer Ziege zum Schutz gegen böse Geister an ihre Türen strichen?
Sarah Moss, eine meiner liebsten Schriftstellerinnen, hat sich in ihrem neuen Roman mit dieser Frage beschäftigt. Sie kratzt an dem dünnen Firnis, den wir als Zivilisation kennen und zeigt, wie schnell Stimmungen kippen können.

Sie erzählt von einer Familie, die vom dominanten Vater zu einen Sommer in ein Eisenzeitzeltlager genötigt wird – mit klassischen Rollenverteilungen und uralten Ritualen, die die Männer der Gruppe immer mehr zu faszinieren scheint.
Sarah Moss erzählt aber auch – wie schon in vielen ihrer Romanen – von der menschlichen Einsamkeit und dem Gefühl wie in einem Sumpf aus Umständen zu versinken. Doch sind ihre Romane sonst mehrere Hundert Seiten dick und erzählen Geschichten über Jahrzehnte. Dieser Roman ist anders. Komprimiert und pointiert auf 150 Seiten spitzt sich diese thrillerartige Handlung schnell zu und man spürt mit jeder Seite das Unheil näher kommen. Geisterwand ist einer dieser Romane, die viele Themen brillant miteinander in einer fokussierten, nie überladenen Weise vermengt und aus dieser Mischung eine neue Nuance kreiert. Reaktionärer Nationalismus, Gewalt in der Familie und der Preis der Zivilisation treffen auf eine Coming-of-Age-Geschichte der eher ungewöhnlichen Art. Ein Buch für eine schlaflose Nacht.


Eure Mareike



Sarah Moss – Geisterhand
Aus dem Englischen von Nicole Seifert
Verlag: Piper
Gebunden, 160 Seiten