Sarah Hall – Die Töchter des Nordens

Sarah Hall – Die Töchter des Nordens

Direkt vorn auf dem Buch prangt ein Zitat der NY Times: “Eines der 100 besten Bücher des Jahrzehnts”. Das ist eine steile These und ehrlicherweise hat mich das Cover nicht unbedingt angesprochen.

Doch muss ich zugeben: Das Buch könnte ein würdiger Nachfolger von “Der Report der Magd” sein. Aktueller, zugänglicher, radikaler. Insgesamt ist das geistige Vorbild bereits im Aufbau des Buchs klar zu spüren: Es handelt sich um Akten eines Straflagers, genauer um die Aussage der Täterin, die in mehreren Akten/Teilen wiederhergestellt wurden. Wir wissen also nicht genau, wann es spielt. Doch handelt es sich bei “Die Töchter des Nordens” um eine nicht zu ferne Zukunft in einem dystopischen Großbritannien.
Die Regierung greift massiv in die Leben ihrer Bewohner*innen ein. Besonders die Frauen sind betroffen: Man setzt ihnen unter Zwang eine spezielle Spirale ein – aggressive Geburtenkontrolle, der letzte Schritt in einem kollabierten Land, einer kollabierten Klimazone. Es scheint, als würde das Land im ständigen Ressourcenkrieg mit der restlichen Welt liegen und mit Zensur und harten Strafen regiert.

Die Protagonistin nennt sich Schwester. Ihren eigentlichen Namen hat sie mit der Flucht in den Norden abgelegt. Sie will in die Rebellensiedlung und Teil der dort lebenden Frauengemeinschaft werden. Sie ist seit langem die einzige, die sich auf die gefährliche Reise begibt, die Siedlung gilt als vergessen.
Was sie findet, ist mehr als nur eine Selbstversorgergemeinschaft. Es ist eine freie, feministische Gesellschaft. Doch auch radikal und unbarmherzig.

Ich kann nicht sagen, dass ich die Siedlung und ihre Strukturen besonders sympathisch fand. Doch erscheint sie mir als Antwort auf die völlig kollabierte Welt eine logische Folge zu sein.
Die Geschichte spitzt sich klar auf einen brutalen Höhepunkt zu und erzählt in kühlem, manchmal etwas unpersönlichem Ton die Geschichte einer Radikalisierung.
Der Strafaktenstil wirkt nicht immer stimmig. Mal wird sehr detailliert der Alltag beschrieben, dann wiederum eher protokollhaft Ereignisse zusammengefasst.

Das Buch ist eindrucksvoll und erzählt eine gar nicht so unwahrscheinliche Dystopie, in der – ähnlich “Der Report der Magd” – die Rechte der Frauen massiv eingeschränkt werden. Doch fehlt mir hier eine tiefere Begründung, ein thematischer Unterbau für die Entscheidungen der Regierung. Es bleibt ein wenig vage. Eins der 100 besten Bücher des Jahrzehnts? Für mich vermutlich nicht, aber ein Roman, der unter die Haut geht.


Sarah Hall – Die Töchter des Nordens
Aus dem Englischen von Sophia Lindsey
Verlag: Penguin
Gebunden, 256 Seiten