Reisen im Licht der Sterne – Wenn Alex Capus die Schatzinsel findet

Reisen im Licht der Sterne – Wenn Alex Capus die Schatzinsel findet

Vor einigen Wochen berichtete ich euch von meinem unheimlich unterhaltsamen Abend beim Harbour Front Festival, bei dem Alex Capus sich als grandioser Geschichtenerzähler und Redner herausstellte. Ja, ein Schriftsteller ist nicht selten ein guter Geschichtenerzähler – doch wenige können auch ihre Geschichten abseits des Papiers fesselnd dem Publikum vermitteln. Viel zu viele Autoren sehen sich bemüßigt ihre eigenen Texte zu lesen – also öffentlich, vor zahlendem Publikum. Das sind meist eher quälende Veranstaltungen. Umso beeindruckender war der lebendige und freie Vortrag von Capus über das Leben von Robert Louis Stevenson, dem Autoren von Die SchatzinselDa ich in meiner Jugend begeistert Abenteuerromane und somit eben auch Die Schatzinsel verschlungen habe, stand meine nächste Lektüre nach diesem Abend mit Capus fest. Tatsächlich ist diese schöne Leinenausgabe von Hanser eine Neuauflage, denn das Buch ist bereits 2005 erstmals erschienen. Erhielt die damalige Version noch den Untertitel Eine Vermutung, so hielt man sich bei dieser Ausgabe elegant zurück und verzichtet völlig auf eine Einordnung.
Ich kann durchaus nachvollziehen, warum man sich dafür entschieden hat, denn gibt keine klare Einordnung für dieses Werk. Es wird tatsächlich bei Amazon unter Belletristik geführt – schließlich ist es kein Sachbuch und doch ist quasi jede Seite mit einer ausführlichen Fußnote versehen und enthält einen ansehnlichen Quellenanhang.
Capus_24899_MR1.inddWas ist Reisen im Licht der Sterne nun? Eine Biographie über das Leben von Robert Louis Stevenson ist es nur in Teilen, denn ganze Abschnitte werden nur lapidar mit wenigen Sätzen erwähnt, während andere Ereignisse fast minutiös und mit Verweis auf unterschiedlichste Quellen belegt. Capus verbindet Stevensons Leben mit dem Mythos der Schatzinsel, beschreibt wie der kränkliche Autor vermutlich die Idee für seinen erfolgreichen Roman gefunden hat. Er sieht den Ursprung im legendären Kirchenschatz von Lima, der auf Cocos Island liegen soll. Doch er argumentiert, dass es nicht die auf allen Karten als Cocos Island bezeichnete Karte ist, auf der der Schatz liegt, sondern eine kleine Insel vor Samoa, die ebenfalls diesen Namen – wenngleich nicht konsequent auf allen Landkarten – trug. Nach und nach legt Capus seine Theorie dar, dass Stevenson selbst zum Schatzsucher wurde, als er seinen Lebensabend auf Samoa verbrachte.
Unheimlich fesselnd schwankt dieses Buch zwischen Fakten und Fiktion. Es zieht den Leser in den Bann und das mit Briefausschnitten, Tagebucheinträgen oder amtlichen Registerauszügen, die hier so geschickt zu einem “Angenommen, wenn”-Gedankenspiel zusammengewoben worden, dass man zwischen durch ausrufen möchte: Ja, doch! Genauso MUSS es gewesen sein!
Und genau das ist das perfide und zugleich geniale an diesem Buch, es bringt einen dazu, diese Geschichte, diese spannende Lagerfeuererzählung einfach für die Wahrheit halten zu wollen. Man möchte an Piratenschätze, Schatzkarten und geheime Höhlen auf vergessenen Inseln glauben.
Allein dafür, dass man sich kurz wieder wie mit zwölf fühlt und sich selbst nach Samoa träumt, lohnt sich die Lektüre ungemein.

Fazit


Alex Capus gelingt mit seinem Buch ein erzählerisches Meisterstück, indem er die Grenzen von Fakt und Fiktion so kunstvoll und mit abenteuerlichem Feuer vermischt, dass man Lust bekommt, selbst in alten Tagebüchern nach versteckten Hinweisen zu suchen.

kleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefüllt

Eure Mareike


Alex Capus – Reisen im Licht der Sterne
Verlag: Hanser
Gebunden, 224 Seiten, 19,90 €