Paula Fürstenberg – Familie der geflügelten Tiger

Paula Fürstenberg – Familie der geflügelten Tiger

Wie geht man damit um, wenn man einen Elternteil nie kennengelernt hat und dieser dann plötzlich ins Leben tritt? Genau mit dieser Situation muss sich Johanna auseinandersetzen. Dabei ist das Erwachsen werden auch so schon schwierig genug.

Nach ihrem Abitur entscheidet sich Johanna nicht wie viele ihrer Klassenkameraden für ein Studium. Stattdessen verlässt sie die heimatliche Uckermark für eine Ausbildung zur Straßenbahnfahrerin in Berlin. Ihre Mutter hat dafür wenig Verständnis, sah sie doch für ihre Tochter eine andere berufliche Zukunft. Doch Johanna war schon immer in Karten und Pläne vernarrt, die ihr die Welt zeigten und gleichzeitig Sicherheit gaben. Die Ausbildung scheint da eine logische Fortführung zu sein. Und so fährt sie zusammen mit ihrem Ausbilder Reiner die vorgegebenen Strecken ab und lacht mit ihm über seine DDR-Witze.
Doch dann meldet sich plötzlich ihr Vater Jens bei ihr, der die Familie kurz vor dem Mauerfall verlassen hat und bringt ihre wohl geordnete Welt durcheinander. Denn plötzlich ist da noch eine andere Version seines Verschwindens, die ganz anders ist als die, mit der Johanna  aufgewachsen ist. Und plötzlich will sie die Wahrheit herausfinden. Die Zeit läuft dabei gegen sie, denn Jens hat Krebs im Endstadium. Doch Johanna setzt alles daran, ihre Welt wieder in geordnete Bahnen zu bringen – irgendwie.

Das Buch war für mich ein Zufallsfund auf der Frankfurter Buchmesse. Das Cover fiel mir auf, weil das Grafische sich von den bebilderten Covern abhob und mich eindeutig mehr ansprach als vieles andere, was ich gesehen hatte. In Kombination mit dem Klappentext habe ich mich kurzentschlossen auf das Debüt von Autorin Paula Fürstenberg eingelassen.

Paula Fürstenberg ist es gelungen, die Gefühlswelt der jungen Johanna zu beschreiben, ohne das Ganze ins Kitschig-dramatische zu ziehen. Die ganze Handlung erschien mir zwar wie etwas, “das nur in Büchern passieren kann” und wirkte dennoch geerdet. All die Dinge, die der Protagonistin in kürzester Zeit geschehen – der Umzug nach Berlin, die Kontaktaufnahme ihres todkranken Vaters, das Treffen mit ihrer Halbschwester, die vielen Geschichten – werfen sie aus der gewohnten geraden Bahn und brechen die Grenzen ihrer Welt auf. Sie weiß nicht mehr, was wahr ist und was nicht und versucht, sich selbst einen Reim auf das Ganze zu machen. Dabei vergisst sie mehr als einmal die Welt um sich herum, sieht überall Verschwörungen, kapselt sich von allen um sich herum ab und gerät ganz schön in die Klemme. Alles nur, weil sie die eine Wahrheit finden will, die alle ihr vorzuenthalten scheinen. Zu den normalen Kapiteln gesellen sich im Buch daher Stasi-Berichte (akkurat mit Schreibmaschine getippt), die das Geschehen rund um das Verschwinden ihres Vaters zu dokumentieren scheinen. Ein interessanter Schachzug  der Autorin, auch wenn ich diese Berichte langweilig fand und nur überflogen oder auch übersprungen habe. Die Kapitel, in denen man Johanna gefolgt ist, waren dann doch spannender.

Fazit


Manchmal lohnt es sich, bei Büchern aufs Bauchgefühl zu hören – dann findet man genau so eine kleine Perle. Ein wundervolles Debüt, dass Lust auf weitere Bücher der Autorin macht.

Eure Maike