Nella Larsen – Seitenwechsel

Nella Larsen – Seitenwechsel

Rezension – Wiederentdeckter Klassiker

Auf den Dörlemann Verlag ist einfach Verlass. Wenn ich auf die Suche nach vergessen geglaubten Stimmen abseits der üblichen weißen, männlichen gehe, dann kann ich sicher sein, dass ich bei diesem Verlag fündig werde. So ist aktuell erstmals auf Deutsch der 1929 erschienene Roman “Seitenwechsel” von Nella Larsen erschienen. Erzählt als ein Klassiker der amerikanischen Literatur und eine der wenigen weiblichen Stimmen, deren Bücher die afroamerikanische Perspektive der Rassentrennung und des Rassismus des frühen 21. Jahrhunderts thematisieren. Nach ihrem Debüt “Quicksand” ist dieser nun auf Deutsch erschienene Titel “Seitenwechsel” der erste und prägendste zum Konzept des “passing”, des nicht als schwarz Erkanntwerdens oder als weiß Durchgehens einer sehr hellhäutigen Minderheit von Schwarzen.

Der Roman handelt von zwei Frauen, die beide so hellhäutig sind, dass sie als weiß gelten könnten, jedoch von der Gesellschaft und Gesetzgebung als Mischlinge gelten. Während sich die Protagonistin Irene für ein Leben in ihrer schwarzen Community entschieden hat, hat Claire vor etlichen Jahren alle Kontakte abgebrochen und den Wechsel in eine weiße Identität gewagt. Davon erfährt Irene erst nach vielen Jahren, als Claire ihr eines Tages zufällig in einem Café begegnet. Die beiden nehmen ihre Jugendfreundschaft wieder auf und es beginnt ein gefährliches Spiel. Denn Claires Mann weiß nicht nur nichts von der Herkunft seiner Frau, er ist ein ausgemachter offener Rassist. Der Preis, den Claire für ein Leben in Glamour und Reichtum zahlt, wird ihr zusehens bewusst, sodass sie das Risiko eingeht und versucht, die Freundschaft Irene wieder aufleben zu lassen und so ein Stück Identität wiederzufinden.

Doch schnell wird klar, dass dieser Roman auf ein großes Unglück zusteuert und das Spiel mit dem Feuer zu viele Unwägbarkeiten enthält. Das Buch endet mit einem Knall und einigen offenen Fragen. Es ist wenig verwunderlich, warum Nella Larsen als eine Vorreiterin der afroamerikanischen Literatur gilt. Sie beschreibt so klug, nuanciert und reflektiert die kleinen und großen Mechanismen des amerikanischen Rassismus, dass dieses Buch fast zeitgenössisch wirkt. Auch die Rolle der Frau und die subtile Beschreibung der Dreiecksbeziehung lesen sich zeitlos.

Literaturverfilmung auf Netflix

Darum freue ich mich besonders, dass dieser wichtige Klassiker der schwarzen Emanzipationsliteratur nun noch ein breiteres Publikum erfährt: Am 10. November feiert die Verfilmung von Rebecca Hall auf Netflix Premiere, mit Tessa Thompson, Ruth Negga und Alexander Skarsgård in den Hauptrollen.

Noch mehr Bücher zum Thema “Passing”

“Seitenwechsel” nannte Brit Bennett die wichtigste Inspirationsquelle zu ihrem Roman “Die verschwinden Hälfte”. Hier findet ihr meine Rezension dazu.

Eure Mareike


Nella Larsen – Seitenwechsel
Aus dem Englischen von Adelheid Dormagen
Verlag: Dörlemann
Gebunden, 222 Seiten