Miriam Toews – Die Aussprache

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Roman Die Aussprache von Miriam Toews neben Federn und Disteln auf Tisch

Ein schreckliches Verbrechen bringt acht Frauen aus der Mennoniten-Kolonie in Bolivien zusammen. Erstmals in der Geschichte dieser religiösen Gemeinschaft sind es die Frauen, die nach einer Entscheidung, einem neuen Weg für sich suchen.
Denn ihnen und ihren Kindern ist Unsagbares angetan worden: Männer aus ihrer Gemeinde sind nachts in ihre Zimmer gestiegen, haben sie betäubt und sich – mal allein, mal zu mehreren – an ihren vergangen. Das jüngste Opfer war nicht einmal vier Jahre alt.

Nachdem die Verbrechen in ihrem vollen Ausmaß ans Licht gekommen sind, sah sich der (ausschließlich männliche) Rat gezwungen, erstmals die weltliche Obrigkeit einzubinden. Normalerweise gelten in dieser Gemeinde die eigenen mennonitischen Rechte. Doch nachdem eine der Frauen mit einer Sense auf die Männer losging, entschieden sie sich zur Polizei zu gehen. Ironischerweise zum Schutz der Täter, nicht der Opfer.

Doch besser ließe sich wohl so eine Geschichte, die leider auf wahren Ereignissen vor 15 Jahren basiert, nicht einleiten: Während die Verbrecher auf ihre Verhandlung warten, haben die übrigen Männer all ihr Geld zusammengekratzt, um die Kaution zu stellen. Ihr Wunsch: Vor ihrem Urteil sollen die Frauen ihren Peinigern vergeben, damit diese in den Himmel kommen können. Alle Männer sind gemeinsam fortgeritten und die Frauen haben nun 48 Stunden Zeit, um gemeinsam zu entscheiden, was SIE wollen. Was ihre Konsequenz aus diesen Verbrechen ist. Ist Vergebung für sie überhaupt möglich?

Harter Tobak, mit dem dieser Roman beginnt. Die Ausgangssituation könnte an sich einen spannenden und brutalen Thriller darstellen, denn lange Zeit glaubte man den Frauen nicht. Hielt ihre blutigen Laken und geschundenen Körper für Strafen Gottes, Besuche des Teufels oder böser Geister. Doch das ist bereits alles passiert, als dieser kanadische Bestseller beginnt.
Die zentrale Geschichte wird innerhalb von 48 Stunden auf einem Dachboden zwischen acht Frauen und einem Ausgestoßenen, der als Protokollant und Erzähler fungiert, erzählt.

Die acht Frauen stellen zentrale Mitglieder der Gemeinde und der beiden Hauptfamilien des Dorfes dar. Sie selbst sind alle von den nächtlichen Überfällen betroffen gewesen.
Da sie aber alle weder lesen noch schreiben können, haben sie den Außenseiter August Epp gebeten, ihre Gespräche für sich und die zurückkehrenden Männer zu dokumentieren. Er lebte eine Weile in London, studierte dort. Doch scheiterte er in der normalen Welt und kehrte zurück – um als geächteter Sonderling am Dorfrand zu leben.

Doch hier stolperte ich zum ersten Mal während des Lesens: Das Buch erzählt von der Stimmfindung von Frauen in einer Gemeinde, in der Frauen kaum mehr sind als Gebärende. Sie dürfen weder lesen noch schreiben, haben kein Mitspracherecht in der Sektengemeinde. Doch wählt Toews explizit eine männliche Erzählperspektive, gibt diesen Frauen durch das Protokoll eines Mannes nur indirekt Stimmen.
Schlimmer noch: August Epp nimmt sich die Freiheit, die Geschichte durch seine eigenen Erlebnisse und seine ausufernden Gedanken zu dem Besprochenen zu ergänzen.

Es wirkt, als kapere er die Geschichte der Frauen. Warum wählt Miriam Toews diesen Weg? Ich dachte, dass sich dieser Kunstgriff im Laufe des Romans auflösen würde. Doch abgesehen von einer Art angedeuteten Liebesgeschichte, die leider vollkommen unnötig ist, folgte für mich keine Auflösung seiner sehr hohen inhaltlichen Präsenz.

Dabei könnte die Geschichte so spannend sein: Die Frauen erörtern, welche Optionen sie haben: Bleiben und vergeben, bleiben und kämpfen, oder gehen und ein neues Leben beginnen.
Doch besonders die letztere steckt voller weiterer Fragen: Wie sollen sie als ungebildete, völlig isoliert aufgewachsene Frauen mit sehr vielen Kindern irgendwo in Bolivien überleben? Bis zu welchem Alter gelten ihre Söhne als Kinder, ab wann als potenzielle Bedrohung? Was kann man tun, damit so ein Verbrechen nie wieder passiert?

An sich erzählt dieser Roman also auf engstem Raum eine feministische Entwicklung. Von dem Wunsch der Mitbestimmung, der Partizipation in Politik und Wirtschaft. Es geht um die Problematik von Frauenfeindlichkeit und Victimblaming und um die grundsätzliche Frage, ob eine gewaltfreier Umsturz des patriarchalem Gemeindesystems überhaupt möglich wäre.
In rasanten 48 Stunden müssen diese Frauen sich also Fragen stellen, die FeministInnen weltweit über 100 Jahre diskutieren.

Leider schafft es das Buch nicht, diese Fülle an Themen gekonnt aufzubereiten oder gar innerhalb der Frauengruppe zu verhandeln. Zu sehr verliert sich die Handlung in Diskussionen über Vergebung, in alttestamentarischen Vergleichen, alten Familienfehden und Gesprächen über die jungen Männer aus den Nachbargemeinden. Und genau durch wird es beliebig.

Toews vertut damit eine Chance, eine elegante, moderne Parabel zu gestalten. Eine Geschichte zu schreiben, die über sich selbst hinausscheint. Stattdessen bleibt die Umsetzung trotz klarer Sprache und fesselnder Grundstory belanglos.

Ich muss gestehen, dass ich Großes von diesem Buch erwartet habe und irgendwie ratlos zurückgeblieben bin. Vermutlich habe ich zu viel verlangt. Vielleicht wäre es absolut unrealistisch gewesen, wenn sich diese Frauen innerhalb von zwei Tagen vollständig radikalisiert hätten. Doch insgesamt bleibt mir alles zu zahm, zu stark geprägt durch den männlichen Erzähler. Den man sich meiner Meinung nach einfach hätte sparen können.

Da empfehle ich doch lieber die erneute Lektüre von Unorthodox von Debora Feldman. Ihr Weg in die Freiheit aus einer ultraorthodoxen Judengemeinde mitten in New York hat mich weitaus mehr berührt.

Eure Mareike


Miriam Toews – Die Aussprache
Aus dem Englischen von Monika Baark
Verlag: Hoffmann und Campe
Gebunden, 256 Seiten

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1 Comments

  1. Tina says:

    Hallo!

    “Die Aussprache” konnte mich leider auch nicht voll überzeugen. Die Prämisse war toll und bereits beim Lesen des Klappentextes und der ersten Seiten haben bei mir Gänsehaut verursacht. Doch leider entwickelte sich alles irgendwie viel zu wenig, die Diskussionen sind mir zu sehr abgedriftet und wie du bereits erwähnt hast, fand ich die Präsenz von August unnötig und störend. Dabei hätte das Buch so gut werden können! Sehr schade.

    Liebe Grüße
    Tina
    killmonotony.de

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