Mieko Kawakami – Brüste und Eier

Mieko Kawakami – Brüste und Eier

Es ist eine andere Welt als unsere Westliche. Auch wir haben unsere Tabus, schambehaftete Themen und natürlich noch etliche Baustellen rund um die Wahrnehmung von Weiblichkeit in unserer Gesellschaft. In Japan ist es nicht anders – und doch völlig anders. Das ist mir bei der Lektüre von Brüste und Eier nun klargeworden. Denn was Mieko Kawakami in ihrem Buch für einen schonungslosen Blick auf die moderne japanische Gesellschaft wirft, lässt mich immer wieder staunen.

Auf fast 500 Seiten begleitet man Natsuko durch ihre Dreißiger und bei ihrem Wunsch, ohne Partner ein Kind zu bekommen. Wie viele Tabus sie dabei bricht, kann ich aus meiner Perspektive heraus nur erahnen. Allein ihr Single-Dasein scheint ein enormes Stigma im heutigen Japan zu sein. Die Kinderlosigkeit eine natürliche Folge. Ihr Weg zu einem selbstbestimmten Leben nach ihren Vorstellungen stößt auf Irritation und Unverständnis.
Doch auch die anderen Frauen in diesem Roman kämpfen für ihren eigenen Weg und scheitern regelmäßig an den starren sozialen Vorstellungen. Ihre Schwester Makiko leidet so sehr an dem Alterungsprozess ihres Körpers, dass nur eine OP ihr ein sinnvoller Ausweg erscheint, während ihre pubertierende Tochter ebenfalls nach Akzeptanz für die Veränderungen ihres nach Worten sucht und feststellt, dass es in ihrer Umgebung einfach keine gibt. Sie hadert mit sich und ihrem Körper. Und wenn ich das richtig einordne, dann ist allein die Verschriftlichung eines solchen Zweifels bereits ein Tabubruch in einem Land, in dem vieles in sich eingeschlossen wird.

Wie anders die Chancen oder der soziale Druck für japanische Frauen ist, wird besonders in den kleinen Begegnungen zwischen der Haupthandlung deutlich. Gespräche zwischen Natsuko und Kolleginnen und Freundinnen, deren Fassade als glückliche Frauen und Mütter kurz bröckelt. Wie Masken, die kurz verrutschen, während sie von den tollen Jobs ihrer Männer berichten und ihnen doch die Stimme kurz versagt, wenn sie erzählen, wie gern sie ihren Job nun aufgeben. Alles für die Familie, für den Nachwuchs, die Tradition und Ehre. Emanzipation bis zu dem Tag, an dem man schwanger wird.

Umso spannender, dass der Wunsch der Protagonistin, ohne Partner schwanger zu werden, einen Akt der drastischen Emanzipation und Selbstbehauptung darstellt. Ein Kind als Ausdruck vollkommener Freiheit in einer Welt, in der sich Frauen sonst für diesen Wunsch enorm einschränken.

Leider bleibt einem nicht nur die Gedankenwelt, sondern auch die nüchterne Erzählweise manchmal fremd. Der fast kühle Ton und die emotionslose Darstellung von Natsuko machen es nicht immer leicht. Doch sind die Einblicke in diese andere Lebenswirklichkeit so fesselnd, dass man auch die Längen damit überwinden kann.

Ich glaube, dass mir ein einordnendes Nachwort sehr geholfen hätte. So bleibe ich zurück mit dem Gefühl, dass mir vermutlich etliche feine Zwischentöne entgangen sein könnten. Trotzdem habe ich das Buch mit Begeisterung und Faszination gelesen.

Eure Mareike


Mieko Kawakami – Brüste und Eier
Aus dem Japanischen von Katja Busson
Verlag: Dumont
Gebunden, 496 Seiten