Meine Dunkle Vanessa – Düsternis auf einem neuen Level

Meine Dunkle Vanessa – Düsternis auf einem neuen Level

Wenn ich ein Buch mit einer Mischung aus Vorfreude und Skepsis erwartet habe, dann ist es wohl “Meine dunkle Vanessa” von von Kate Elizabeth Russell. Im Deutschlandfunk spricht man davon, dass es sich bei diesem Buch um einen weiblichen Gegenentwurf zu Nabokovs “Lolita” handle. Doch finde ich das viel zu kurz gegriffen.

Das Buch von Kate Elizabeth Russell wechselt nicht nur einfach die Perspektive, sondern zeigt auf sehr intensive, teilweise verstörende Art und Weise, wie ambivalent und komplex die Beziehung in missbräuchlichen zBeziehungen sein kann. In diesem Roman geht es um die zunächst 15-jährige Vanessa und ihren 42-jährigen Englischlehrer und ihre über Jahrzehnte reichende Verbindung. Rückblickend erzählt die inzwischen erwachsene Vanessa von den Anfängen dieser toxischen Beziehung, deren Faszination sie sich auch nach Jahren nicht ganz entziehen kann.
Sie versucht zu verstehen, ob sie tatsächlich auf die große düsterromantische Liebesgeschichte zurückblickt, die ihr Jacob Strane stets versicherte. Erinnert sich an Grenzüberschreitungen, eindeutig pädophile Muster und die ständige Verklärung des Pädophilenromans “Lolita”. Gleichzeitig aber auch an vorsichtiges Erfragen ihres Einverständnisses, behutsames Herantasten und Vorstöße ihrerseits.
Dabei wird immer wieder das Machtverhältnis zwischen Lehrer und Schutzbefohlener deutlich, das das Miteinander der beiden prägte. Kann man also hier von einer freien, alle Konventionen überwindenden Liebe sprechen, wenn eine so klare Hierarchie in Alter, Erfahrung und Macht der Ausgangspunkt war?

Man begibt sich mit Vanessa in die Abgründe ihrer Vergangenheit, lernt unwillentlich all die manipulativen Tricks kennen, mit denen einem einsamen Mädchen Entscheidungsfreiheit und aufrichtige Liebe suggeriert wird, welche rhetorischen Mittel von kaum einem 15 jährigen Halbkind durchschaut oder gar widersprochen werden können. Strane erzeugt immer wieder Momente, in denen er sich scheinbar ihrer sexuellen Aura und Autorität unterwerfen muss, sie als treibende Kraft darstellt. Diese Momente sind kaum lesbar, weil sie mich als Frau und vor allem als Mutter einer Schülerin sehr sehr mitnehmen. Auch all die Szenen, in denen die Eltern Verdachtsmomente haben, ihre Tochter mal liebevoll, mal streng versuchen zum Reden zu bringen, machen den Fall noch schwerer. Hier ist kein Mädchen aus lieblosem Elternhaus, das auf der Suche nach einem väterlichen Ersatz ist – im Gegenteil: Die Familie ist aufmerksam, hinterfragt und will zuhören. Und trotzdem. Trotzdem.

Es ist hauptsächlich die Wahl von Vanessa als unzuverlässige Erzählerin, die dieses Buch so schwierig und nervenaufreibend macht. Sie zeichnet kein Monster, räumt eigene Fehler ein und betont immer wieder die Momente des Glücks und der Liebe in dieser Zeit. Und doch bröckelt dieses Bild, an das sie sich verzweifelt klammert. Denn es steht für das letzte bisschen Halt und Glanz ihres sonst sehr düsteren Lebens.

Insgesamt habe ich dieses Buch atemlos, geschockt und mit wachsender Faszination gelesen. Es zeichnet kein klares Bild eines Schuldigen oder eines Monsters. Weder versagen die Eltern, noch hat die Schule nicht konsequent reagiert. Selbst Strane ist kein brutaler, schmieriger Kinderschänder. Vanessa ist eben auch nicht einfach Opfer. All diese komplexen Puzzleteile setzen sich nur schwer und für mich auch nicht vollständig stimmig ineinander.
Das mag auch an dem manchmal recht schlichten Schreibstil, der nicht immer ganz rund wirkt, liegen. An manchen Stellen hätte ich mir eine etwas elegantere, straffere Sprache gewünscht. So knarzte es hin und wieder und ich fühlte mich ein wenig an Schreibübungen erinnert. So nutzt die Autorin sehr viele Seufzer, lässt Blicke schweifen und sanft erröten. Das lässt einen faden Beigeschmack zurück bei einer sonst sehr außergewöhnlichen, durchaus fordernden Lektüre.

Eure Mareike


Kate Elizabeth Russell – Meine dunkle Vanessa
Aus dem Englischen von Ulrike Thiesmeyer
Verlag: C. Bertelsmann
Gebunden, 448 Seiten, ca. 20 Euro