Mary Miller – Big World

Mary Miller – Big World

Kurzgeschichten sind bekanntlich so eine Sache: Entweder packen sie einen und man liebt sie Zeile für Zeile. Oder im schlimmsten Fall langweilt man sich von einer nichtssagenden Erzählung zur nächsten. Bei mir gibt es wenig dazwischen. Im vergangenen Jahr habe ich etliche Erzählungssammlungen gelesen. Zum Beispiel die von Richard Yates (irre!), Franziska Gerstenberg (kaum zwei Erzählungen durchgehalten und abgebrochen), Marina Keegan (bitte unbedingt lesen!!!) oder Graham Swift (so öde!). 

Nun las ich die Erzählungen “Big World” von Mary Miller, einer jungen (zumindest in literarischen Kreisen ist Jahrgang ’77 jung) Amerikanerin, die bereits mit ihrem Roman “Süßer König Jesus” einigen Erfolg feiern konnte. Ich hoffte auf Geschichten, die weiblich, radikal und zugleich vielfältig sind. Geschichten voller starker Frauenfiguren, die einen Blick auf das Amerika werfen, in dem jetzt ein grapschender, frauenfeindlicher Kerl an die Spitze des Landes gewählt werden konnte. Als gebürtige Texanerin – so hoffte ich – würde sie mir einen Einblick in eine mir unbegreifliche Welt geben, die einen solchen Präsidenten hofiert.

Schlussendlich kann ich wohl sagen, dass ich nicht enttäuscht wurde. Oder zumindest nicht vollständig. Die Geschichten von Mary Miller erzählen allesamt von gebrochenen, bedürftigen, stets von Alkohol und Männern abhängigen Frauen. Keine der Figuren sieht ihre Umgebung als das, was sie ist: trostlos, verkommen und öde. Nein, sie zerbrechen allesamt an ihr, ohne je einen Hauch von Erkenntnis.

Mary Miller erschafft mit jeder ihrer Geschichten von gescheiterten Töchtern, Geliebten und Ehefrauen ein tristes, aber auch überraschend freizügiges Bild einer Gesellschaft. Einer Gesellschaft von Frauen, die sich nicht über sich selbst oder ihre Leistungen definieren, sondern über die Männer, von denen sie sich vögeln lassen. Ja, lassen. Denn im Grunde bleiben all die Figuren frustrierend passiv, stets in der anhänglichen Defensive. Sie wissen nichts mit sich anzufangen, sind arbeitslos oder unzufrieden mit den unterbezahlten Jobs als ungelernte Kräfte. Die Flucht in Alkohol und Drogen erscheint zu einfach und verlockend, der Aufstieg aus dem White Trash quasi unmöglich.

Ja, nach der Lektüre der Erzählungen von Miller beginne ich zu ahnen, welche Art von Menschen sich von einfachen Lösungen und pauschalen Verurteilungen locken lassen. Es sind die kleinen, naiven Welten, die stets kurz vor dem Zusammenbruch scheinen, die Miller mit wenigen Worten zu erschaffen vermag.
Handwerklich sind die Erzählungen absolut solide – prägnant, jede eigenständig und stets auf den Punkt. Ihre klare, oft brutale und explizite Sprache steht oft im scharfen Kontrast zur Naivität und zarten Sehnsucht der Figuren. Es sind einzelne Sätze von wundervoller Prägnanz die hängenbleiben. Sätze, wie: “Die Vorstellung, das Fehlen von Schmerz bedeute Glück, war irreführend” oder “Das mit dem Fehlenden war die Misere der Menschheit – das wusste jeder Idiot -, man konnte es nicht einfach durch Essen oder Alkohol ersetzen (…)”. Diese Sätze machen einem Hoffnung auf kluge Wendungen, auf einen besseren Ausgang für die Figuren. Die Frauen sind smart und durchaus weder auf den Kopf noch auf den Mund gefallen. Doch bleiben sie letztendlich in ihren misslichen Lagen. Sie finden sich mit ihren Partnern, schlechten Jobs und ihrer eigenen Unvollkommenheit ab.

Fazit

Unschlüssig lassen mich diese Erzählungen von starken und zugleich unglaublich schwachen Frauen zurück. Doch fehlte mir das Fünkchen Rebellion, der Ausbruch, die Veränderung – irgendwas, das die Geschichten vorantreibt. So bleibt ein Gefühl von Unschlüssigkeit und Trägheit zurück. Frauen, die irgendwie sind, aber selbst nicht genau wissen, wie.
Viel Potenzial, das jedoch in keiner der Geschichten vollständig ausgeschöpft wurde.

Eure Mareike


Mary Miller – Big World: Storys
Verlag: dtv
Gebunden, 190 Seiten, ca. 20 Euro