Marianne Philips – Die Beichte einer Nacht

Marianne Philips – Die Beichte einer Nacht

Ein Haus des Wahnsinns, über das sich die Stille der Nacht legt. Das Setting dieses wiederentdeckten Klassikers von Marianne Philips ist ungewöhnlich und beklemmend. Die Ich-Erzählerin Heleen verbringt ihr Leben in einer Nervenklinik, ist verschlossen und spricht mit keinem der Ärzte. Nur in der Stille der Nacht beginnt sie eines Tages, einer Nachtschwester ihre Lebensgeschichte zu erzählen.

Es ist die Geschichte der ältesten Tochter einer kinderreichen Familie, der der gesellschaftliche Aufstieg gelingt. Ihr Sinn für Schönes und ihr Gespür für den eigenen Vorteil haben ihr zunächst eine leitende Position in einem Kaufhaus und schließlich eine sehr reiche Ehe ermöglicht. Forsch und zielstrebig ergreift sie Gelegenheiten und nutzt schamlos aus, wenn ältere Herren sie ausnutzen wollen. Sie liebt das Leben und ist bereit, ihren eigenen Weg zu gehen.

Doch deutet sich schon früh an, dass der Grund ihres Aufenthalts in dieser Klinik mit ihrer jüngsten Schwester Lentje und ihrer großen Liebe Hannes zu tun hat. Sie steuert offen und unbarmherzig auf die Katastrophe zu. Mit jeder Stunde, jeder Erzählung ihres Lebens, nähern wir uns ihrem bitterem Geheimnis.

Doch neben dieser düsteren Erzählebene erfahren wir noch viel mehr. Besonders über die einfachen Lebensumstände in den Niederlanden der 1910er und 20er Jahre. Über die wenigen Verwirklichungsmöglichkeiten der Frauen damals. Marianne Philips erzählt schonungslos von der Wichtigkeit des Aussehens und der ständigen Absicherung der Frauen. Sie erzählt in ihrem 1930 erschienenen Roman unheimlich modern und kritisch, welchen Preis eine Frau zahlt, wenn sie sich von gängigen Normen abwendet.

Es ist am Ende die Liebe und die Sehnsucht, selbst geliebt zu werden, aber auch ihr wichtigstes Kapital – die Schönheit – an der sie schließlich zerbricht und dem Wahnsinn verfällt. Heleen ist kein Opfer, sie ist nicht sanftmütig oder mütterlich. Sie entspricht so gar keinem gängigen Bild einer Romanheldin. Ich hätte nicht erwartet, eine solche Figur in einem Roman von 1930 zu treffen. Marianne Philips beschreibt keine Heldin, auch keinen typischen Entwicklungsroman oder einen Ehebruchsroman – nein. Das hier ist ein Vorläufer von “Die Glasglocke”, ein Roman, der schon vor 90 Jahren die Vielfalt der weiblichen Perspektive zeigte und mit damaligen Klischees brach. Ein Glück, dass solche Romane endlich neu übersetzt und wiederentdeckt werden. Es erweitert die Vielfalt der Romanlandschaft des 20. Jahrhunderts um eine wichtige Nuance.

Eure Mareike


Marianne Philips – Die Beichte einer Nacht
Aus dem Niederländischen von Eva Schweikart
Mit einem Nachwort von Judith Belinfante
Verlag: Diogenes
Gebunden, 288 Seiten