Mareike Krügel – Schwester

Mareike Krügel – Schwester

Schwester – mit diesem Begriff verbinden wir meist zwei Dinge: Zum Einen die verwandtschaftliche Bezeichnung und zum Anderen die etwas veraltete Bezeichnung für eine Krankenpflegerin. Es mag Zufall sein, doch genau in diesem Spannungsfeld zwischen Krankenhaus und Familie bewegt sich der neue Roman von Mareike Krügel.

In “Schwester” geht es um Iulia, die erfährt, dass ihre Schwester Lone nach einem schweren Autounfall im künstlichen Koma liegt. Die beiden Frauen führen sehr unterschiedliche Leben, doch sind sie sich sehr nah. Zumindest dachte Iulia das, bis sie merkt, dass sie Vieles über Lone nicht wusste. Zum Beispiel über deren Alltag als selbstständige Hebamme, über die Entscheidung, ihre sichere Stelle im Krankenhaus zu verlassen und was dafür der Auslöser war. Stück für Stück nähert sie sich den unbekannten Seiten ihrer Schwester über die Frauen, die Lone zuletzt betreute.

Auf unaufgeregte fast schon akribische Erzählweise kommen die Figuren zu Wort. Wir begleiten Iulia mit der Ersatzhebammentasche ihrer Schwester, wie sie die teilweise verzweifelten und übermüdeten Mütter besucht und deren Geschichten hören darf. Es sind Geschichten von einem von Kapitalismus und Patriarchat aufgebauten Gesundheitssystem, das nicht viel Platz für die Vielfalt von Körpern, Bedürfnissen und dem Prozess der natürlichen Geburt lässt. Die Einsparungen in Krankenhäusern, die unglaublichen Versicherungssummen der freiberuflichen Hebammen und die Normierungssucht des Systems werden an Einzelfällen erzählt. Doch es ist deutlich, dass hier ein System dahintersteckt, dass so täglich Tausende Frauen betrifft und in ihrer Herrschaft für den eigenen Körper einschränkt.

Doch es gibt noch die zweite Ebene, die von Iulia zu ihrer Familie. Ihre Mutter hat die Familie früh verlassen, der Vater wieder geheiratet und die Stiefmutter brachte die wunderschöne Lone mit in die neue Ehe. Iulia zieht zwei Gewissheiten aus ihrer Kindheit: Eine Familie muss unbedingt verlässlich sein und Lone ist zugleich ihre Schwester wie auch beste Freundin.
Mit den Ausflügen in das Leben ihrer Schwester geht sie auch auf Abstand zu ihrem bisherigen Leben und beginnt sich zu fragen, zu welchem Preis sie alles andere dem familiären Glück untergeordnet hat.

Dieser Roman ist eine sauber erzählte Sinnsuche, ein schmerzhafter Blick in ein Gesundheitssystem, in dem eine natürliche Geburt weitaus unattraktiver für ein Krankenhaus ist als ein Kaiserschnitt. Zugleich ist es die Geschichte zweier Frauen, die auf unterschiedliche Weise Einsamkeit in ihrem Leben erfahren haben und doch beide für sich daraus Kraft schöpfen. Auf ihre sehr kluge und teilweise humorvolle Art macht Mareike Krügel Frauen sichtbar, die sonst schnell überhört werden.

Eure Mareike


Mareike Krügel – Schwester
Verlag: Piper
Gebunden, 338 Seiten