Mareike Fallwickl – Die Wut, die bleibt

Mareike Fallwickl – Die Wut, die bleibt

„Die Wut, die bleibt“ ist nicht nur der Titel dieses herausragenden Buches, sondern auch eine Prophezeiung. Denn nach dem Lesen bleibt die Wut. Sie geht nicht mehr weg. Sie sticht einen noch Wochen, Monate nach der Lektüre. Ich habe lange auf die richtigen Worte gewartet. Wollte diese Rezension mit den richtigen Worten beginnen, irgendwie einfangen, wie sehr es mich bis in Mark berührt und mich bis heute beschäftigt.
Ich wollte euch eindringlich von der perfekten Balance zwischen all den klugen Frauenfiguren erzählen. Von den spannenden Gedanken, die nicht nicht gesagt, sondern gelebt und von den Figuren gefühlt werden.

Doch wie soll ich das machen? Bei all der Wut, die geblieben ist. Denn ich kenne diese Figuren, sehe sie jeden Tag in meinem Umfeld. Ich habe nicht das Gefühl, dass das Buch mit der letzten Seite endete, sondern sich selbst weiterschreibt. Jeden Tag.

Da ist diese Mutter, die im Lockdown die komplette Last von Familie, Betreuung und mentaler Gesundheit trägt. Die so erschöpft ist, dass ihr der Tod attraktiver erscheint als ein weiterer Tag dazwischen. Und dann sind da die Frauen, die zurückbleiben: ihre Tochter, eine kluge, unglaublich willensstarke Figur. Sie wächst aus der Trauer und durch ihre Verbindung zu ihrer besten Freundin über sich hinaus. Sie werden radikal, gründen eine Bande und beginnen einen Rachefeldzug gegen Männer, die Frauen missbraucht oder misshandelt haben.
Auch die beste Freundin der Mutter kämpft mit ihrer Trauer und der Wut über den Tod ihrer besten Freundin. Sie versucht aus Loyalität die Leerstelle in der verwundeten Familie zu füllen. Will dem trauernden Partner Hilfestellung leisten. Doch gerät sie schnell in einen Strudel aus Abhängigkeit und nie endender Care-Arbeit.

Dieser Roman hat eine Wucht, ist radikal und unheimlich offen. Er hat mir gezeigt, dass noch unendlich viele Themenfelder in der Literatur noch nie oder nur aus männlicher Perspektive zur Sprache gekommen sind. Wir stehen erst am Anfang einer Zeit von großen Romanen mit vielfältigen Perspektiven, die Strukturen viel tiefgehender hinterfragen als es jahrhundertelang der Fall war.
What a time to be alive! „Die Wut, die bleibt“ ist für mich ein Roman, der wohl auch dem letzten Feuilletonisten die Augen öffnen wird, dass wir viel zu lange sehr sehr ähnliche Literatur als Vielfalt gefeiert haben, ohne auch nur zu ahnen, was es noch alles geben mag.
Auch deshalb macht mich „Die Wut, die bleibt“ wütend: Es fühlt sich so an, als habe ich Jahre des Literaturstudiums und des literarischen Lesens verschwendet. Zu viele alte, weiße Männer, zu wenig Mareike Fallwickls. Doch ein Glück, dass es dieses Buch jetzt gibt. Ihr könnt es nun alle lesen und schneller merken, was euch bisher entgangen ist. Macht das bitte.


Mareike Fallwickl – Die Wut, die bleibt
Verlag: Rowohlt
Gebunden, 384 Seiten