Lukas Jüliger – Unfollow

Lukas Jüliger – Unfollow

An manchen Tagen bin ich froh, dass ich das Graphic Novel-Lesen wieder für mich entdeckt habe. Denn sonst wäre mir dieses besondere Leseerlebnis entgangen.
Bei “Unfollow” handelt es sich um eine düstere Zukunftsversion zwischen Influencern und Klimakrise mit einem ordentlichen Schuss Suspense.

Diese ungewöhnliche und zugleich bestechend logische Mischung verwebt Lukas Jüliger zu einer spannenden und zugleich fast magischen Erzählung mit einer zarten Liebesgeschichte und melancholischen Bildern. Aber worum geht es überhaupt:

Eines Tages taucht er auf: Earthboi, die Inkarnation der Natur in Form eines bald weltberühmten Umweltinfluencers. Wir begleiten seinen Weg vom hilflosen Baby über ein ungewöhnlich hochbegabtes Kind hin zu einem YouTube-Phänomen. Schnell wächst die Anhängerschaft um diesen geheimnisvollen, charismatischen jungen Mann und die Menschen beginnen ihr Verhalten zu reflektieren.

Dann lernt er Yu kennen, ein Ausnahmetalent als Programmiererin und Umweltkünstlerin – es ist Liebe auf den ersten Chat. Gemeinsam gründen sie mit ihren Werbeeinnahmen eine Selbstversorgerkolonie und dort auch eine besondere Alge, die das Ende des Hungers und der Energieknappheit sein könnte.

Man begleitet die beiden Protagonisten durch ihr Leben hin zu einer immer klareren Mission und sieht die Menschheit zugleich auf eine Katastrophe zusteuern. Der zurückhaltende Einsatz von eigentlich nur zwei Farben und zarten Schraffierungen geben den Bildern einen zugleich melancholischen wie bedrohlichen Touch. Earthboi ist von einem Geheimnis umgeben, das über seine nun menschliche Existenz hinausgeht. Und doch ist da die Liebe zu dieser jungen Frau, die ihm fast ebenbürtig erscheint.

Die Erzählweise lässt sehr viel Freiraum für Interpretationen und gerade das letzte Drittel hält einige Überraschungen bereit, die dieser Graphic Novel eine Tiefe geben, wie ich sie lange nicht in einem gezeichneten Roman hatte – und zugegebenermaßen auch in weitaus dickeren Romanen nicht finden konnte.

Besonders gefallen hat mir der außergewöhnliche Stil, in dem jedes Bild für sich ein kleines Kunstwerk ist, eine Inszenierung, die an Social Media Posts erinnert. Die Zurücknahme bei den Farben und die Leerstellen und vagen Andeutungen lassen einen immer wieder zurückblättern, nochmal eine Passage nachlesen und nach ein paar Tagen erneut zum Buch greifen.

Es ist schon ungewöhnlich und sicherlich nichts für Zwischendurch. Doch wer bereit ist, sich auf diese Fabel über die Auswüchse des Influcencer-Hypes einzulassen, wird es nicht bereuen.


MEHR ZU UNFOLLOW BEIM VERLAG

LUKA JÜLIGER – UNFOLLOW
Verlag: Reprodukt
Klappenbroschur, 168 Seiten, ca. 18 Euro