Lucy Fricke – Die Diplomatin

Lucy Fricke – Die Diplomatin

Wenn ich an Diplomatie, Staatsaffären, Agenten und die Deutsche Botschaft denke, dann ist das für mich ein sehr männlich besetztes Themengebiet. Darum hat mich allein das Thema über eine Diplomatin sehr interessiert. Und da es ein neuer Roman von der großartigen Lucy Fricke ist, war mir auch schon klar, dass dieses Roman elegante Zwischentöne haben würde.

Lucy Fricke hat mich nicht enttäuscht. Die Diplomatin Fred ist zugleich eine harte Geschichte über Entführungen, politische Gefangene, Intrigen und diplomatische Ränkespiele. Und zugleich schafft sie immer wieder Ausgleich, bringt die zwischenmenschliche Ebene rein und gewichtet sie genauso wie die politische Dimension. Allein deshalb mochte ich den Roman sehr. Denn es wird immer wieder die Menschlichkeit in die sehr repräsentative Tätigkeit einer Diplomatin reingebracht. Mal ist es das Zögern, die natürliche Reaktion eines Menschen in einer ungewohnten Situation. Mal wird die staatstragende Bedeutung einer Geste hervorgehoben. Es ist die Spannung zwischen der Repräsentation eines ganzen Landes, einer Regierung und der eines Menschen. Und immer wieder das Gefühl, dass einer Frau der Wechsel zwischen diesen beiden Spannungsfeldern nicht so leicht verziehen wird. Es wird genauer geschaut und bewertet, wenn die Diplomatin etwas sagt oder tut.

Dann steht man da und ist nur Deutschland.

Und dann passiert es: Während sie ihrer vermeintlich ruhigen Tätigkeit in Montevideo nachgeht, wird eine junge Frau entführt. Aber nicht irgendjemand, sondern die Tochter einer der einflussreichsten Medienunternehmerinnen Deutschlands. Schnell liegt der Blick Deutschlands und der Welt auf dem Fall und auf Fred. Ab dieser Episode ändert sich leicht die Tonalität und ihr Blick auf die Demokratie und die Diplomatie. Er wird zynischer und man begleitet Fred auf ihrem weiteren Weg hin zur Deutschen Botschaft in der Türkei und dem vor Ort fast krampfhaften Wegschauen der Deutschen vor dem Unrecht, das hier geschieht.

Für mich war es ein enorm spannender Einblick in ein mir vollkommen unbekanntes Feld und in eine überladen symbolhafte Welt. Eine Welt des Nickens und des Stillhaltens. Man denkt in Jahrhunderten, nicht in Momenten, stellt Fred an einer Stelle fest. Und ja, das spürt man. Doch was macht es mit dem Menschen selbst, wenn man so zum Vertreter eines ganzen Landes wird?
Fred geht einen ungewöhnlichen Weg und am Ende, wenn sie wieder in Hamburg steht, am Bett ihrer kranken Mutter, dann erinnert sie sich an ihre frühe Kindheit und wie die DDR und die Politik ihr Leben schon immer beeinflusste. Denn wir sind alle nicht losgelöst von dem, was auf dem großen Staatsparkett passiert und wir alle haben einen Einfluss.

Ein kurzer, rasanter und wie immer perfekt pointierter Roman von Lucy Fricke.

Lucy Fricke – Die Diplomatin
Verlag: Claassen
Gebunden, 256 Seiten