Literatur im Wald

Literatur im Wald

Es gibt immer wieder literarische Trends. Bestimmte Häufungen von Themen, Topen oder stilistischer Ausprägung, die einem in einem literarischen Jahr besonders auffallen. Es mag ein Zufall sein, dass ich die folgenden drei Titel gelesen habe zwischen all den hunderten Neuerscheinungen, doch vielleicht bin ich hier auch einem Trend auf der Spur: Wald.
Genauer gesagt: Junge Autoren, die ihre skurrilen Geschichten mit rasanten Handlungen und markanten, undurchsichtigen Figuren im Waldsetting spielen lassen.

Gelesen habe ich Sebastian Janata – Die Ambassadorin, Sebastian Stuertz – Das eiserne Herz des Charlie Berg und Kai Wieland – Die Zeit der Wildschweine.


Schaut man in die Sachbuchsektion, ist das Thema Wald schon eine Weile Thema. Wald als Sehnsuchtsort, als Ort der Ruhe und Auszeit. Ein Ort, um zu sich selbst zu finden – perfekt in Zeiten von Achtsamkeitstrends. Schaut euch hierzu mal den Begriff des Waldbadens an – vor ein paar Jahren war dies kein Thema. Die drei literarischen Titel setzen jedoch ein genaues Gegengewicht zu dieser Konnotation des Waldtrends. Sie alle drei haben den Wald als einen Ort der eigenen Wildheit, des sich Verlierens, aber auch der Kindheitserinnerungen. Auffällig ist, dass alle drei Ich-Erzähler junge urbane Männer sind, die in die Provinz zurückkehren und dort den väterlichen Ratgeber ihrer Kindheit wieder treffen oder in Erinnerungen an die gemeinsamen Waldspaziergänge und Jagderlebnisse schwelgen.

Ein interessanter Weg, den hier alle drei auf ihre Weise begehen und sich damit bewusst vom modernen Leben und der Hochtechnologisierung der Welt abwenden. Ein Großteil von “Das eiserne Herz des Charlie Berg” spielt in der Vergangenheit, zelebriert die Videokassette und das analoge Aufzeichnen, in “Die Zeit der Wildschweine” fotografiert der geheimnisvolle Janko analog, ist auf das Licht und seine Wirkung angewiesen, zugleich ist der Ich-Erzähler lange Zeit ohne Telefon (verliert es im Meer, im Haus seines Vaters fällt es aus).

Ist es eine Sehnsucht nach der eigenen Kindheit? Eine Art romantisierter Flashback einer neuen Generation, die sich nach Jagd und Gulasch sehnt in einer Zeit, in der alles digital und immer mehr vegan ist?
Ich war überrascht über die Parallelen zwischen den drei Büchern. Die fast rührende Sehnsucht, mit der alle drei die alten verschrobenen Jäger mit ihren Geweihen in den holzvertäfelten Hütten beschreiben. Dabei sind die Bücher durchaus modern, nutzen popkulturelle Referenzen, launigen Humor und lassen alle ihren Protagonisten ein wenig unbeholfen durch diese ihnen nicht mehr ganz vertraute Welt stolpern. Alle drei machen die zunächst mystisch wirkenden Frauenfiguren zu grimmigen Heldinnen in einer Welt, die sie selbst nicht verstehen. Und doch ist es mehr als nur ein Hauch Nostalgie, der die Erzählungen durchzieht wie ein Geflecht aus alten Wurzeln.

Es ist eine Häufung, ein Topos, der wiederentdeckt und wiederbelebt wird – so wie Jägermeister, den man mit Augenzwinkern trinkt oder ironisch ein Bild vom röhrenden Hirsch in die Berliner Altbauwohnung hängt. Spannend wird zu beobachten sein, ob es ein männliches Phänomen bleibt oder sich in den kommenden Jahren breiter ausdehnt. Denn denke ich an Mareike Fallwickls Debüt “Dunkelgrün fast schwarz” schafft sie es völlig frei von nostalgischer Wehmut ihre beiden Protagonisten im Wald aufwachsen und auf ihre Kindheit dort schauen zu lassen.

Sebastian Janata – Die Ambassadorin

Der Ich-Erzähler Hugo kehrt nach dem Tod seines Zieh-Großvaters in die Heimat seiner Jugend zurück und erhält als Erbe einen ausgestopften Wildschweinschädel und einige Informationen über die nebulöse Vergangenheit des Einsiedlers. Nach einer durchzechten Nacht und damit verbundem Dünnpfiff-Notfall am Denkmal auf dem Dorffriedhof beginnen sich die Ereignisse zu überschlagen: Mysteriöse Frauen, die wie Geheimagentinnen wirken, suchen nach einer sagenhaften Büchse. Verfolgungsjagden und ein Dorf voller Geheimnisse sorgen dafür, dass Hugo völlig neue Dinge über seinen Großvater und dessen Leben erfährt. Doch je mehr er erfährt, umso verworrener wirken die Fakten und man beginnt an Hugo und den Erzählungen zu zweifeln.
Ich habe das Buch in wenigen Stunden durchgelesen und mich an etlichen Stellen gefragt, ob das alles ernst gemeint sein kann. Besonders im letzten Drittel wird das Buch sehr abgedreht und bekommt durch einen Exkurs in die Vergangenheit eine weitere Ebene, die mir nicht ganz stimmig erschien. Das Ende wird dadurch etwas unrund und ich habe mich gefragt, ob es daran lag, dass der Autor irgendwie Zeitdruck hatte. Insgesamt wirkt es ein wenig, als ob man nicht alles erfahren hat, als wüssten alle anderen mehr als Hugo selbst, und deshalb bleibt man etwas unbefriedigt zurück.

Sebastian Stuertz – Das eiserne Herz des Charlie Berg

Charlie Berg zeichnet sich durch seinen fast superkraftähnlichen Geruchssinn und leider ein schwaches Herz aus. Dieses Herz gehört seiner Jugendliebe Marya, die einen Drogenboss in Mexiko heiraten will. Das hält Marya aber nicht davon ab, sich mit Charlie regelmäßig sehr persönliche Videotapes als eine Art Brieffreundschaft zu schicken.
Doch Charlie hat noch ganz andere Probleme: Hätte er nämlich auf den Hirsch gehört, der plötzlich in seinem Kopf zu reden schien und nicht bei der Jagd mit seinem Großvater auf dieses schöne Tier geschossen hätte, wäre wohl vieles anders gekommen. Sein Großvater wäre nun nicht tot und dessen Mörder ebenfalls nicht – oder zumindest fast. Denn der taucht plötzlich wieder auf.
Dann ist da noch dieser wichtige Literaturwettbewerb, an dem Charlie teilnehmen soll. Er muss sich eigentlich um seinen dauerbekifften Vater und um die autistische Schwester kümmern und auch sonst hat Charlie ganz schön viel um die Ohren. Ungünstig, dass plötzlich diese zwei Polizist*innen hinter ihm her sind. Seine feine Nase verrät ihm schnell, dass die beiden ebenfalls Dreck am Stecken haben und nicht unbedingt ehrlich in ihren Ermittlungen sind.
Dann steht Marya plötzlich vor der Tür und das Chaos ist perfekt.
Das ist zugegeben nur ein Bruchteil von dem, was sich in diesem Buch an spannenden, skurrilen und teilweise sehr fantastischen Dingen anhäuft. Doch Sebastian Stuertz schafft es, dass es nicht eine Minute langweilig wird. Kein Handlungsstrang verläuft ins Leere oder wird gar schwächer. Im Gegenteil: Diese wilde 90er-Coming-of-Age-Literaturbetriebskarikatur-Krimi-Waldliebeserklärung hat es durchgängig in sich und bleibt die ganze Zeit über auf einem hohen Unterhaltungsniveau. Dabei wird es mal ekelig, mal trashy, dann deep und dann kommt eine völlig überraschende Wendung um die Ecke. Dass Hirschgulasch und eine einsame Waldhütte hier eine zentrale Rolle spielen, erden das Buch auf eine sehr unerwartete Weise.

Kai Wieland – Zeit der Wildschweine

Der neue Roman von Kai Wieland enthält ebenfalls sehr skurrile Charaktere, den Clash der Generationen, 90er/2000er Popreferenzen und natürlich den Wald als wichtigen Schauplatz.
Reisejournalist Leon ist ein ruheloser Geist. Für das beständige Leben seiner Schwester hat er kaum mehr als Unverständnis übrig. Als er den Vorschlag des Vaters annimmt, dessen Haus direkt am Wald zu bewohnen, willigt er zwar ein, doch flieht zugleich mit dem kapriziösen Fotografen Janko, um Lost Places in Frankreich zu erkunden. So wird sein eigenes Haus seiner Kindheit ebenfalls zu einem verlassenen Ort und nach und nach merkt Leon, dass man für diese Art Leben einen hohen Preis zahlt.

Die titelgebenden Wildschweine werden zu einer Metapher für das, was wir zu greifen versuchen: die Suche nach dem Stück Beständigkeit in einer sich immer schneller drehenden Welt, die geprägt ist von Vorausdeutungen und medialen Vorbildern, die Glück und Drama immer nur im absoluten Breitbandformat zeigen können. Leon ist einer der jungen Männer, der mit schillernden Figuren und Ideen aufgewachsen ist und diese nur schwer mit dem Leben am Rande eines Dorfes in Einklang bringen kann – und genau deshalb fühlt man so mit ihm, weil wir alle diese Kontraste kennen.

Raus aus der Großstadt zur Dorfidylle?

Alle drei Romane verbindet eine Mischung aus sehr modernen Elementen, Sonderlingen und rauen, ruhigen (Groß-)Vaterfiguren, die eine Orientierung in einer schnellen und für sie kaum noch nachvollziehbaren Welt bieten. Das Wildschwein und der Hirsch, der Dackel und der Jägerausguck als zentrale Elemente in Zeiten von Hyperdigitalisierung und ständiger Verfügbarkeit sind spannende Gegengewichte. Hier gibt es noch Räume, die ohne funktionierendes Handynetz einer anderen Ordnung folgen und somit literarisch noch Freiräume und Zwischentöne ermöglichen, die im Urbanen in der Form nicht mehr darstellbar sind.
Zwar finden sich Tendenzen der Nostalgie und Verklärung der raubeinigen alten Männer, von Hirschgeweihästhetik und vergilbten Holzhütten, doch wird kein Heilsversprechen oder gar eine Abkehr vom städtischen Leben in den Fokus gerückt. Der Wald und das Dörfliche erfüllen aber in allen drei Romanen die Entschleunigung und das Zu-sich-finden. Zugleich bleibt er – ganz in der mittelalterlichen, gar märchenhaften Tradition – der Ort der nicht greifbaren Gefahr und des Unkultivierten, Ursprünglichen.
Es findet also keine Neubesetzung des Topos Wald statt, sondern ein Revival. Der Wald ist der alte, nur die Welt drumherum hat sich verändert – ist noch schneller, verrückter und weniger begreifbar geworden.

Ich bleibe gespannt, ob der Wald und das damit verbundene ländliche Setting weiterhin ein beliebter Schauplatz deutscher Autor(*inn)en sein wird.
Wenn ihr noch weitere Beispiele kennt, schreibt sie mir gern in die Kommentare.

Eure Mareike