Lara Williams – Die Odyssee

Lara Williams – Die Odyssee

Rezension

Ein Kreuzfahrtschiff, das keine feste Route zu haben scheint, eine Crew aus verlorenen und gebrochenen Figuren, ein mysteriöser Personenkult um den Kapitän: Die Ausgangssituation dieses Romans bietet viele Richtungen, in die sich die Geschichte entwickeln könnte. Von einer lustigen romantischen Komödie bis hin zum Thriller ist hier fast alles möglich. Und das scheint Lara Williams auch sehr bewusst gewesen zu sein, als sie ihre Protagonistin Ingrid auf diese Odyssee schickt. Dabei schrammt sie haarscharf an einer eindeutigen Genrezuweisung vorbei. Sie biegt immer wieder neu ab und verblüfft die Leser*innen mit einem neuen, skurrilen Dreh.

Wir lernen Ingrid als festes und erfolgreiches Crewmitglied des fantastischen Kreuzfahrtschiffes WA kennen. Hierbei handelt es sich um eine gewaltige schwimmende Stadt: Es gibt viele Pools, Läden, Shows und unendliche Unterhaltungsmöglichkeiten. Viele der Passagiere verbringen hier ihren Lebensabend und so ist es Alltag, dass im Bord-Newsletter auch die täglichen Verstorbenen mitgeteilt werden. Alltag. Eine merkwürdige, sich ständig wandelnde Form von Alltag, die keine Gewissheiten lässt. Denn auch wenn Ingrid sehr gut in ihrem Job ist, sie muss wie alle Mitglieder des Schiffes alle paar Monate den Job komplett wechseln. Egal wie glücklich man in einer Tätigkeit ist, der stetige Wandel betrifft alle.
Doch in Ingrids Leben tritt eine neue Konstante: Sie ist Auserwählte im fragwürdigen Mentorenprogramm des guruhaften Kapitäns Keith. Hier soll sie in den Sitzungen ihr Leben aus der Zeit an Land aufarbeiten.

Schnell wird klar: Ingrid ist an Land ein anderer Mensch gewesen, unglücklich verheiratet, Alkoholikerin und unzuverlässig. Jede Landgangepisode endet auch heute noch in völligem Rausch, geschunden und mit wenig Erinnerung an das Geschehene.

Was in diesem Roman geschieht, ist die systematische Demontage einer Frau und der fragilen neuen Fassade als erfolgreiches Crewmitglied. Mit jeder Sitzung erfahren wir mehr über ihr eigentliches Wesen. Sie ist radikal, tut schockierende und selbstzerstörerische Dinge und zugleich beginnt sich das Schiff zu verwandeln. Die Gäste verschwinden, die Farbe blättert ab und Dinge gehen kaputt.

Dieser Roman ist ein abstruses Leseerlebnis. Man hat wenig Gewissheiten, wird ständig in die Irre geführt und man muss immer auf eine Überraschung gefasst sein. Das hier ist kein Feel-Good-Roman, es ist ein Tanz auf der Rasierklinge.

Lara Williams – Die Odyssee
Übersetzt von Eva Bonnè
Verlag: Atlantik
Gebunden, 252 Seiten