Laetitia Colombani – Das Mädchen mit dem Drachen

Laetitia Colombani – Das Mädchen mit dem Drachen

Kindern das Gefühl zu geben, sie seien etwas wert und ihre Zukunft stehe ihnen offen, ist etwas sehr Wertvolles. Eine der zentralen Aufgaben von Eltern und Erziehungsberechtigten ist es, Kindern einen guten Start ins Leben zu geben, sie zu begleiten und anzuleiten.
So zumindest unsere westliche Vorstellung als das Minimum dessen, was wir Kindern mitgeben sollten. Die Basis. Doch was, wenn die Basis bereits fehlt? Wenn der Wert eines Kindes gar nicht zur Debatte stünde? Sein Wert sich an der Kraft seiner Muskeln, an der Geschwindigkeit der kleinen Finger messen würde?

Die Realität in vielen Teilen der Welt, gerade abseits von großen Städten, ist heute immer noch so: Kinder müssen ihren Beitrag zur Familienarbeit leisten. Und Mädchen haben hierbei noch einen weitaus geringeren Wert als Jungen. Sie sind die ersten, denen eine Schulbildung verwehrt wird, wenn es einer Familie finanziell nicht gut geht. Millionen Mädchen weltweit dürfen kaum oder gar nicht zur Schule gehen. Sie werden kurz nach ihrer ersten Regelblutung verheiratet und an die Schwiegerfamilie übergeben. Gerade in Indien ist dies in weiten Teilen des Landes noch gängige Praxis.

Doch Thema der westlichen Literatur ist es bisher kaum. Zum ersten Mal so richtig in das Thema eingestiegen bin ich mit „Der Zopf“, dem Debütroman von Letitia Colombani. Der Roman erzählte die Geschichte mehrerer Frauen, deren Schicksale durch ein Stück Haar miteinander verbunden sind. Die ursprüngliche Besitzerin der Haare ist eine junge Inderin der Kaste der Unberührbaren, die sich für ihre Tochter und auch für sich selbst ein besseres Leben wünscht. Sie begibt sich auf eine kräftezehrende Reise quer durch ein Land, in dem Frauen und vor allem Unberührbare kaum mehr Wert haben als Tiere.

Nun trifft in ihrem neuen Roman die französische Lehrerin Lena am Strand von Bengalen auf die Tochter dieser mutigen Frau. Das Mädchen spricht seit dem Tod ihrer Mutter kein Wort mehr und hat nur mit ihrem Drachen im Wind noch Freude. Denn bei den Verwandten, bei denen sie nun lebt, ist sie eine lästige Kostenquelle.
Doch Lena merkt recht schnell: Dieses Mädchen ist schlau und wissensdurstig. Innerhalb kurzer Zeit lernt sie lesen und schreiben. Und auch die anderen Mädchen und jungen Frauen der Umgebung sind neugierig auf das Wissen, das Lena in diese entlegene Ecke von Indien bringt. Es bildet sich eine kleine Untergrundschule, die nicht nur auf Liebe und Zustimmung trifft.

Dieser Roman handelt genau wie die anderen Bücher von Laetitia Colombani von den unsichtbaren Frauen am Rande der Gesellschaft, aber auch von der Kraft der Eigeninitiative und des Zusammenhalts. Der eingängige, manchmal etwas rührige Stil lässt sich einfach weglesen. Mehr als einfache Wohlfühlliteratur, denn diese Bücher erweitern den Horizont und sind massentauglich feministisch. Allein deshalb ist es eine Empfehlung.


Laetitia Colombani – Das Mädchen mit dem Drachen
Übersetzt von: Claudia Marquardt
Verlag: Fischer Verlage
Gebunden, 272 Seiten