Kurz vor dem Reading Burnout

Kurz vor dem Reading Burnout

Es gibt unseren Blog jetzt bereits fünf Jahre und wenn ich mich durch frühere Besprechungen klicke, bin ich immer wieder überrascht, wie sich meine Buchauswahl in dieser Zeit verändert hat. Damals habe ich Bücher spontan in der Buchhandlung mitgenommen – einfach, weil mich Cover und Klappentext angesprochen haben. Hier ist das ganz anders und es belastet mich.

Ich bin inzwischen selbst Teil der Buchbranche, weiß genau, für welche Art von Programm welcher Verlag steht. Kenne die Rhythmen der Branche (ein Frühjahrs- und ein Herbstprogramm) und kann inzwischen bereits am Cover in wenigen Sekunden entscheiden, um was es in dem Buch geht und ob es für mich passt. Das hat zur Folge, dass ich inzwischen von Buchhandlungen nicht mehr überrascht werden kann. Das stundenlange Stöbern in der Buchhandlung um die Ecke funktioniert für mich nicht mehr so wie früher. Ich stehe eher vor den Tischen und denke: “Ja, das und das und das habe ich noch liegen, das hatte X kürzlich besprochen und die drei habe ich ja schon gelesen.” Überraschungen gibt es da nicht mehr. 
Ein neues Buch von einer Autorin, die ich sehr schätze? Davon weiß ich natürlich schon aus der Vorschau – ein glückliches Entdecken in den Regalen gibt es nicht mehr. 

Aufgeschlagenes Buch mit einer Tasse Tee
Das ist alles in Ordnung für mich. Ich bin Teil von etwas, das ich so sehr liebe. Außerdem habe ich so viel Lesestoff und bekomme ständig neue Inspiration von befreundeten Verlagskollegen, anderen Bloggern oder lieben Buchhändlern – das ist toll! 
Während meines literaturwissenschaftlichen Studiums habe ich in meiner Freizeit gezielt das Gegenteil von dem gelesen, was wir in den Seminaren besprochen haben. Ich wollte unterhalten werden, abschalten können und mich in fremde Welten entführen lassen. Christoph Marzi und Lucinda Riley waren meine Lieblingsautoren – hättet ihr es gedacht?
Nach dem Studium wurden mir die “Familiengeheimnis in britischem Herrenhaus”-Geschichten irgendwann zu abgedroschen. Alles schon einmal gelesen, die Plots alle schon einmal in ähnlicher Weise gehabt. Das Studium hat mir etliches an Handwerkszeug an die Hand gegeben, um in wenigen Seiten einen Roman einordnen zu können: Wer spricht, welche Muster und Figuren tauchen auf und was ist die Triebfeder der Handlung?

Durch meine Arbeit im Marketing und natürlich durch die inzwischen nicht unerhebliche Erfahrung durchs Bloggen, schaue ich bei einem Buch genau: Ist es ein Leseexemplar (setzt der Vertrieb also auf diesen Titel große Hoffnungen), wird Werbebudget in die Hand genommen und wie ist die Ausstattung (nur Taschenbuch – lief der Vorgänger etwa nicht gut)? Bekommen wir Blogger etwa dieses Buch gezielt zugeschickt? Hm, dann ist es wohl eher ein “leichterer” Titel.

Blogger sein verändert das Lesen

Und dann spielt die Zeit und meine Tätigkeit als Bloggerin eine nicht unerhebliche Rolle bei der Buchauswahl. Über 500 Seiten und am besten noch als mehrbändige Reihe angelegt? Wann soll ich das lesen? Es müssen schmale Bücher sein und am besten anspruchsvoll, denn man hat ja inzwischen auch ein gewisses Standing – die Leser erwarten einen gewissen konsistenten Lesegeschmack. Ich kann jetzt nicht einfach anfangen, seichte Unterhaltungsromane mit der gleichen Begeisterung zu besprechen, wie einen Benedict Wells (Okay – schlechtes Beispiel. Ich mochte seine Bücher nicht und das, obwohl “ALLE” ihn gut fanden – was läuft falsch bei mir?). 

Ich kann gar nicht anders, ich analysiere ein Buch sobald ich es zum ersten Mal sehe. Schaue, ob ein Titel auch von anderen besprochen wird und wenn ja, von wem? Erwartungshaltung hoch, Entspannung… selten vorhanden. 

Bücherstapel mit bunten Lesebändchen neben kleiner Sukkulente

Die Vorauswahl muss also verdammt gut sein, denn meine Freizeit ist inzwischen ein sehr kostbares, weil seltenes Gut. Stets das Notizbuch und die Klebezettelchen daneben, als würde man später einen Test über das Gelesene schreiben. Aber nein, es ist eine Besprechung, die wohlbegründet, feinsinnig und stets einordnend sein muss. Jedes Buch muss ein Volltreffer sein. Für alles andere fehlt einem die Zeit. Schließlich lesen auch die Autoren und Verlagsmitarbeiter fleißig mit, wenn ich ein neues Buch beginne. Man erwartet stets eine genaue Begründung und am besten eine Entschuldigung, wenn einem ein Buch nicht gefällt. Sonst landet man recht schnell am digitalen Pranger. Schließlich haben wir Literaturblogger (wichtig – niemals Buchblogger, das ist etwas GANZ anderes!) einen höheren Auftrag. Wir besprechen hier KULTUR! Wir sind die, die das literarische Abendland vor der Eroberung durch trivialere Beschäftigungen schützen müssen. Habe ich die Kraft für solche Diskussionen? 

Make reading sexy/great/selling again?

Ich sage es ganz ehrlich: Nö. Ich mag das nicht mehr. 
Unterhaltung und Entspannung hole ich mir schon seit einiger Zeit nicht mehr aus Büchern. Bücher, das ist Arbeit – im doppelten Sinn. Eine Arbeit, die ich liebe. Eine Leidenschaft und mein liebstes Hobby. 
Doch es gibt Tage, da wünsche ich mir Bücher, die ich vorbehaltlos lesen kann. Bei denen mein Kopf völlig frei ist und sich einfach auf die Geschichte einlässt. Ohne Überlegungen zur Platzierung, zur Lesererwartung oder ob irgendwer irgendwas von mir erwartet. 

Reading Burnout, ick hör dir trapsen. Doch du wirst mich nicht kriegen. Zu wichtig ist mir meine seelische Balance und das Lesen. 

Und ihr anderen (Berufs-/Hobby-)Leser: Passt auf euch auf.

Schlussendlich entscheidet ihr, welche Lektüre euch gut tut. 
Ich beginne jetzt eine Buchreihe, ein bisschen Familiengeheimnis und vielleicht auch eine Spur Rührigkeit inklusive. Ich freue mich drauf!

 

Eure Mareike

 

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