Kristina Gorcheva-Newberry – Das Leben vor uns

Kristina Gorcheva-Newberry – Das Leben vor uns

Es ist eine seltsame Zeit, die Zeit des Erwachsenwerdens. Sie ist voller Ungewissheit und nicht selten gespickt mit Unsicherheiten, schmerzlichen Abnabelungen und Wehmut. Kristina Gorcheva-Newberry erzählt nun in ihrem Debütroman vom Erwachsenwerden in den letzten Jahren der Sowjetunion, in einem sterbenden Staat. Was macht es mit jungen Menschen, wenn sie rebellieren wollen gegen eine Welt der Erwachsenen und diese bricht vor ihren Augen zusammen? Wenn Gewissheiten wegfallen und man nicht nur das eigene Leben und die Rolle in der Familie in Frage stellen muss, sondern elementar alles um einen herum, dann ist es ein radikaleres Aufwachsen, ein schonungsloseres.

Genau das ist die Situation, in der Anja und Milka am Stadtrand von Moskau aufwachsen. Sie haben ihre enge Freundschaft, die auch durch die körperliche Veränderung oder das Auftauchen von Jungs in ihrem Leben nicht erschüttert wird. Im Gegenteil: Die beiden geben sich halt, sind füreinander die Konstante in einer unsicheren Welt, in der die Erwachsenen nicht mehr verlässlich reagieren, sich Angst und Unsicherheiten in den Alltag schleichen.
Der Roman erzählt ruhig und unaufgeregt von einem beschaulichen Leben, langen Sommern auf der Datscha von Milkas Eltern. Die beiden Freundinnen sind zwar sehr unterschiedlich, doch selbstbewusst und teilweise aufmüpfig. Sie wollen sich dem Leben stellen. Doch dann bricht eine Tragödie über sie herein und im zweiten Abschnitt des Buches, treffen wir Milka als amerikanische Hausfrau und Mutter wieder.
In Moskau und bei ihrer Familie ist sie seit über 20 Jahren nicht gewesen – zu schmerzhaft sind all die Erinnerungen und das, aus ihrem alten Umfeld geworden ist.

Ein schonungsloser Roman, der erst im Laufe der Kapitel Schwung entwickelt und damit eine gewisse Sogkraft. Lese ich normalerweise nicht allzu gern Coming-of-Age-Romane, ist dies einer abseits der Klischees. Kein Weltschmerz, keine Privilegien, einfach zwei Mädchen, die sich gemeinsam gegen die Welt stemmen. Dass dieser Kampf nicht für alle gut ausgeht, macht die Geschichte nicht pathetischer, sondern nur bodenständiger.
„Das Leben vor uns“ ist ein sehr gut erzählter Roman über das, was man verliert, wenn man Erwachsen wird, aber auch über das, was an Erinnerungen an unbeschwerte Sommertage bleibt.


Kristina Gorcheva-Newberry – Das Leben vor uns
Übersetzt von:Claudia Wenner
Verlag: C.H.Beck
Gebunden, 359 Seiten