Kleiner Bruder – Die Suche nach einem anderen Leben

Kleiner Bruder – Die Suche nach einem anderen Leben

Was treibt Menschen an, sich auf die beschwerliche und teilweise tödliche Reise quer durch Afrika bis über das Meer nach Europa anzutreten? Die Gründe dafür mögen sehr unterschiedlich sein. Die Motive, Wünsche, Hoffnungen sind so vielfältig wie die Menschen. Doch ist wohl klar, dass niemand ohne Not, Verzweiflung und Sehnsucht nach einem besseren Leben alles zurücklässt und teilweise Wochen und Monate gen Norden reist.

In diesem schmalen, knapp 140 seitigen Büchlein erzählt Ibrahima Balde seine Geschichte. Die Geschichte von seiner Suche nach seinem kleinen Bruder. Aber auch von seiner Kindheit und Jugend, die geprägt sind von harter Arbeit und dem Wunsch, der Mutter und den Geschwistern eine sichere Zukunft zu ermöglichen. Ibrahima muss als ältester früh Verantwortung übernehmen. Zunächst den Vater bei der Arbeit unterstützen und nach dessen Tod eine Ausbildung, einen Lebensplan finden.

Als eines Tages sein kleiner Bruder verschwindet – gerüchteweise soll er Richtung Europa, um ein besseres Leben zu finden – beendet er seine Arbeit, verkauft seine Habseligkeiten und begibt sich auf die Suche. Tausende Kilometer durch Wüsten und unwägbare Gebiete, durch besetzte Städte und Sklavenhochburgen.

Auf seinem Weg gerät er selbst in Gefangenschaft, schließt Freundschaften, arbeitet in unterschiedlichsten Berufen und muss sich mehrmals aus schockierenden Situationen befreien.

Dabei erzählt er ruhig, fast emotionslos von dem, was er erlebt. Während ich beim Lesen oft innehalten und realisieren musste, was da gerade beschrieben wurde, geht der Bericht fast unbeeindruckt weiter. Über die Familie, die Zukunft und die Sorge des Bruders erzählt Ibrahima Balde mit viel Wärme. Doch sein eigenes Schicksal bleibt kurz, fast vage an manchen stellen. Doch vielleicht ist es nur so für ihn wirklich erzählbar und heute ertragbar.

“Kleiner Bruder” ist eines von tausenden Schicksalen. Es ist eine Geschichte von so unendlich vielen und sie erklärt nicht und ist nicht zu verallgemeinern. Genau darin liegt für mich ihre Stärke: Es ist eine Geschichte, in ihrer Einfachheit so entwaffnend, so banal und zugleich mit einer klaren, fast lyrischen Sprache erzählt, dass man tief berührt zurückbleibt.

Wir brauchen mehr solcher Berichte, um wirklich zu verstehen.

Eure Mareike


Ibrahima Balde, Amets Arzallus – Kleiner Bruder
Die Geschichte meiner Suche
Aus dem Baskischen von Raul Zelik
Gebunden, 139 Seiten