Kinderbücher: Warum stark nie pink sein darf

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Ich lese gerade ein Kinder-/Jugendbuch mit einer weiblichen Heldin, die in den ersten Kapiteln in jedem zweiten Satz sagt: Ich bin nicht so (pink, oberflächlich, häuslich, ängstlich etc.). Ja, eine starke Figur, aber sie hat das ganze Buch über das Bedürfnis, sich von anderen Mädchen abzugrenzen. Ihre Heldenhaftigkeit basiert sehr stark auf dem Nicht-Mädchenhaft-Sein. Und das ärgert mich sehr. Warum muss sie sich so stark von anderen abgrenzen?

Und das ist ein Trend, den ich schon eine Weile beobachte: Die Kinder- und Jugendbücher, die bewusst auf starke weibliche Heldinnen setzen, brechen das Klischee nicht auf. Nein, sie zementieren es, indem die Leistung und das Alleinstellungsmerkmal der Heldin ist, eben NICHT so wie all die anderen Mädchen zu sein. Ist das gut?
Ist es das, wo wir hin wollen? Dass junge Mädchen selbst sagen: Ich will kein typisches Mädchen sein. Als wäre Weiblichkeit per se ein Makel. Es macht Weiblichkeit zum Schwächeren, Defizitären, und ich ärgere mich jedes Mal, wenn ich sowas lese.
Ein Satz, wie “Sie ist kein typisches Mädchen” impliziert nicht nur, dass es nicht erstrebenswert ist ein typisches Mädchen zu sein, nein es macht es fast zu etwas Schambehaftetem. Ein Glück, denn man möchte ja wirklich nicht so sein. Mädchen – nicht umsonst ein beliebtes Schimpfwort auf Schulhöfen und Sportplätzen.
Davon abgesehen wird damit gleichzeitig ebenfalls in die Klischeekerbe geschlagen. Denn wer legt denn fest, was “typisch” ist? In diesem Buch werden Bilder von oberflächlichen, ständig kichernden Zicken heraufbeschworen. Ist es das, was Mädchen und junge Frauen ausmacht?

Und auch wenn man im ersten Moment meint: ‘Cool, ein Buch mit einer Figur, die nicht die gängigen Klischees erfüllt’, so scheint die Legitimation ihrer Heldenhaftigkeit genau in ihrer Abweichung von der Norm zu liegen. Und da greift dann schnell die klassische Weisheit: Die Ausnahme bestätigt die Regel. Schade. Ich hoffe, dass wir irgendwann Diversität einfach nebeneinander und miteinander haben können, ohne sich über das andere zu profilieren.

Mich interessiert bei diesem Thema sehr eure Meinung:
Sehe ich das zu streng oder ist euch schön Ähnliches in Büchern aufgefallen?

Eure Mareike

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22 Comments

  1. Janine Zöller-Quast says:

    Danke für diesen Artikel, dem ich nur voll und ganz zustimmen kann. Diese Einstellung begegnet einem bei der ganzen Feminismusdebatte, die oft nicht darauf abzielt Unterschiede zwischen den Geschlechtern als gleichberechtigt nebeneinander stehen zu lassen, sondern diese zu negieren, als wären diese etwas schlechtes. Mädchen müssen nicht anders und wie Jungen sein, um genauso viel wert zu sein.

    1. Ole says:

      Um ein bisschen zu klugscheißen: Das sieht Edward Said in Orientalism sehr ähnlich. Ist also ein Punkt der schon viel in kulturwissenschaftlichen Zirkeln diskutiert wird und keineswegs zu stark betont wurde. Es ist wahnsinnig schwierig die Norm zu ignorieren ohne angefeindet bzw. überhaupt nicht verstanden zu werden.

  2. Eva says:

    Liebe Mareike, ich sehe das genau so wie du. Vor einiger Zeit habe ich mich auch gefragt, warum ich in Rezensionen früher oft von “starken Frauen“ geschrieben habe. Warum so? Und was ein doofer Begriff eigentlich. Sind typische Frauen per se nicht stark? In Kinderbüchern finde ich dieses “nicht wie das typische Mädchen“ ziemlich doof. Dabei habe ich mich selbst über über solche Aussagen als ich jünger war total gefreut. Warum eigentlich?Anstatt zu sagen, was typisch und untypisch ist, sollten gerade in Kinderbüchern doch möglichst unterschiedliche Mädchenfiguren beschrieben werden. Mutige und ängstliche Mädchen, aber auch Figuren, die nicht so eindimensional und stereotyp sind. Mädchen, die Fußball spielen und Ballett tanzen oder Mädchen, die gut in Mathe sind und gerne kochen. Oder die pink mögen und E-Gitarre spielen. Das finde ich auch wichtig. :)

  3. Katja says:

    @Mareike
    Danke für diesen klugen und zum Nachdenken anregenden Artikel, auch wenn das Problem nicht neu ist. Traurig eher, dass es solche Sätze in Büchern immer noch gibt.
    Da kann Pippi Langstrumpf weiterhin ein Vorbild sein. Ihr Verhalten und ihr Charakter werden nicht auf Weiblichkeit oder Männlichkeit überprüft. Sie ist einfach Pippi und ist einfach anders als die brave und angepasste Annika, die trotzdem nicht mehr oder weniger Mädchen ist als Pippi – dem stärksten Mädchen der Welt mit den frechen Zöpfen und der bunten Kittelschürze.

    @Eva
    Übertreiben müssen wir unsere Sorge um Gender-Corectness aber auch nicht. An “starken Frauen” ist doch überhaupt nichts auszusetzen. Eine Frau ist stark, wenn sie für sich selbst einsteht, wenn sie selbstbewusst ist und sich von Klischees nicht entmutigen lässt. Und dass sie eine Frau ist, ist doch kein Makel.

    1. Mareike says:

      Nein, neu ist das Phänomen nicht. Mich hat es einfach auch geärgert, dass wir noch nicht weiter sind.
      Also immer wieder ansprechen. :)

    2. Eva says:

      @Katja: Ich habe nie gesagt, dass es ein Makel ist, eine Frau zu sein. ;) . Ich habe nur etwas gegen Klischees und Worthülsen und diese Begrifflichkeit “starke Frauen” fällt für mich leider eher in letztere Kategorie.

      Liebe Grüße

  4. Eva P. says:

    Ich finde es sehr gut, wenn mehr Bücher mit weiblichen Hauptfiguren herausgebracht werden. Auch finde ich es wichtig, unterschiedliche Charaktere zu zeigen. Nicht gut finde ich die Kategorisierung “typisch Mädchen” und “typisch Junge”. Meine Idealvorstellung wäre, wenn es keine Typisierungen gäbe. Als Mutter von zwei Mädchen versuche ich, meinen Töchtern beizubringen, dass sie alles tun und sein können. Dass es leider heutzutage noch immer nicht so ist, werden sie noch früh genug feststellen.
    Mein Wunsch im Hinblick auf Jugendliteratur: Bitte mehr weibliche Heldinnen, aber bitte nicht ausgrenzend. Also selbst wenn sie nicht die “typischen” Mädchen sind, sollte das nicht als Merkmal hervorgehoben werden. Es sollte einfach nicht mehr als ungewöhnlich dargestellt werden, wenn Mädchen Fußball spielen oder Kampfsport betreiben. Ebenso wie Jungs, die gerne kochen, tanzen oder stricken.

    1. Mareike says:

      Das kann ich so unterschreiben.

  5. Marina Körner says:

    Liebe Mareike, das, was du da beschreibt, wird seit einigen Jahren auch auf englischsprachigen Buchseiten, besonders im Jugendbuchbereich, kritisiert. (Übrigens auch von Feministinnen.) Sogar Jugendliche kritisieren das schon. Wenn man “not like other girls young adult novels” googelt, finden sich da so einige Beispiele zu…Deine Kritik ist also komplett berechtigt. Irgendwie traurig, dass sich da nichts ändert…

    Alles in allem kann ich dir nur zu stimmen. Ich habe ehrlich gesagt die Nase voll von solchen “strong female characters”, die sind inzwischen zu einem eigenen, langweiligen Klischee geworden. Das, was Eva da für Charaktermöglichkeiten beschreibt, klingt für mich viel spannender und ehrlich gesagt auch realistischer. Das fühlt sich viel mehr nach den Menschen an, die ich im wahren Leben treffe.

    1. Mareike says:

      Liebe Martina,

      vielen Dank für den Hinweis. Den Begriff werde ich mir mal genauer anschauen. Ein Glück, dass das Thema schon bewusst angegangen wird. Alles andere hätte mich aber auch gewundert. :)
      Viele Grüße
      Mareike

  6. Katja says:

    @Mareike
    Mich würde interessieren, welches Buch du gelesen hast.

    @Janine
    Vor 20 Jahren in der Oberstufe hatte ich einen Politiklehrer, der das so ähnlich sah. “Warum wollen die Emanzen so sein wie die Männer? So toll sind wir nun auch wieder nicht.”
    Viele Mitschülerinnen hatten einen Hass auf ihn und sahen ihn als frauenfeindlich. Ich gab ihm schon damals recht. Er wollte uns nur provozieren und fand es besser, wenn emanzipierte Frauen ihren eigenen Weg gehen und nicht einfach nur das nachmachen, was die Männer machen.

    Wobei ich es auch wieder nicht wichtig finde, dass ein Mädchen typische Jungs- UND typische Mädchenvorlieben in sich vereint. Eher sollten wir uns davon los sagen bestimmte Eigenschaften, Hobbys und Vorlieben Geschlechtern zuzuordnen.

    Gute Kinderbücher sollten sich daher einfach nicht wundern über untypische oder typische Geschlechterklischees und sie hervor heben, sondern einfach den Helden oder die Heldin des Buches in ihrer Einzigartigkeit als Mensch beschreiben, völlig unabhängig vom Geschlecht. Es sei denn diese Klischees an und für sich spielen für die Handlung und die Interaktion mit den anderen Figuren des Buches eine Rolle, z.B. um sich kritisch mit ebendiesen auseinander zu setzen.

    1. Mareike says:

      Hallo Katja,
      ich habe es bewusst vermieden, das Buch hier zu nennen – aus Gründen. Es ist auf jeden Fall ein sehr aktuelles Kinderbuch aus einem bekannten Kinder- und Jugendbuchverlag. Liebe Grüße
      Mareike

  7. Susanne von Halem says:

    Ich finde das ist eine super tolle Idee. Schreib doch ein Buch über ein super starkes Mädchen.
    Du schreibst und ich male.
    http://Www.vonkrawall.de
    :)

    1. Mareike says:

      Gar keine schlechte Idee, Susanne :)

  8. Friedelchen says:

    Hi Mareike,
    dein Artikel hat mir grad ein bisschen die Augen geöffnet denn du hast wirklich recht! Wenn ein Mädchen nur dadurch als starke Heldin glänzt, weil sie eben möglichst wenige “mädchentypische” Eigenschaften hat, dann läuft doch echt was falsch. Freuds Penisneid lässt grüßen :-P Ein Mädchen sein ist nichts schlechtes. Und ich möchte nicht, dass meine Töchter denken, dass sie nicht stark und selbstbewusst sind, nur weil sie auf Rosa und Glitzer stehen, oder deswegen als schwach wahrgenommen werden.
    Über etwas, das ebenfalls in die Richtung geht, hat auch Kat geschrieben, ein sehr lesenswerter Artikel: https://stuermischeseiten.de/2019/02/14/lasst-mich-mit-euren-starken-frauen-in-ruhe/

    1. Mareike says:

      Liebe Friedelchen, was für ein lieber Kommentar! Das freut mich total, dass meine Beobachtung dich auch angestoßen hat. <3
      Den Artikel kannte ich noch nicht, schaue aber direkt mal rein. Vielen Dank!!
      Mareike

  9. Chrissi says:

    Guten Abend,

    ich finden den Ansatz nicht gut. Um aus der rosa-hellblauen Falle zu entkommen müsste gezeigt werden, dass die Figur stark ist, ganz unabhängig vom Geschlecht oder welche anderen Klische-Atribute ihr zugeschrieben werden. Und leider hast du da ganz recht: Das fehlt. Ich versuche aber weiterhin die Augen offen zu halten und gebe die Hoffnung auf jeden Fall noch nicht auf!

    Liebe Grüße
    Chrissi

    1. Mareike says:

      Danke Chrissi,
      ich auch nicht. Dass es wahrgenommen und diskutiert wird, ist immerhin schon mal ein Schritt. :)
      Viele Grüße
      Mareike

  10. Yvonne says:

    Hey Mareike,
    danke für deinen Beitrag! Das ist wirklich SO wahr und regt mich regelmäßig auf. Diese Mädchen, die auf Teufel komm raus Sneakers tragen, Hosen und im Fantasy Bereich im Schloss bloß kein Kleid anziehen wollen, weil eww. Die Make Up nicht mögen und gut im Kämpfen sind. Natürlich ist es verständlich, woher das kommt, aber das eine extrem macht das andere nicht besser. In Kinder-und Jugendbüchern sind dann nämlich in Schulen auch noch oft die Mädels mit High Heels und Make Up die bösen Zicken. (manchmal noch gepart mit Skinny und Slut Shaming). In meinem eigenen Buch ist einer meiner liebsten Charaktere ein Mädchen mit blonden langen Haaren, Vorliebe für Pink und Hohe Schuhe, Kleider und Nähen. Aber sie ist genauso gut stark! Das eine muss das andere nicht ausschließen.
    Ganz viele liebe Grüße
    Yvonne :)

  11. Annika says:

    Liebe Mareike,
    danke für deinen schönen Artikel! Ich habe vor nicht all zu langer Zeit ein aktuelles Kinderbuch gelesen über ein Mädchen, das nicht sein wollte wie die anderen Mädchen “die Pferde mögen und rosa und immer zu zweit aufs Klo gehen” und fand das erstmal gar nicht so schlimm (in meiner Rezension kommt das auch ganz gut weg…). Aber du hast schon recht, wenn das Anderssein das Hauptmerkmal ist, dass ein Mädchen als starkes Mädchen ausmacht, hat das natürlich einen Haken! Über das Buch werde ich also noch mal nachdenken müssen – danke dir dafür! Annika

  12. Dr. Ulrike Ritter says:

    Hallo, wir versuchen das gerade mit Jugendbüchern wie “Das Kaninhop-Turnier” und “Hupps Buh, das Schlosskaninchen” , in denen Menschen und Tiere (vorzugsweise Kaninchen) interagieren und gendertypische Verhaltensmerkmale mal vorkommen, mal fehlen, mal thematisiert werden, mal nicht. Häsin Hupps Buh verwandelt sich vom schüchternen Schlosskaninchen in ein multiaktives Kaninchengespenst und erreicht ein Egalitätsniveau, das es einst nur in dem Umkehr-Roman “Egalias” gab, aber auch das sehr zwanglos. In dem Roman gibt es auch männliche Figuren, die mal typisch sind (technisch) aber auch emotional – wir haben lange überlegt, ob ein Rammler über einen Jungen, der Herzchen auf das Foto von Häsin Hupps malt,”Wie süß!” sagen ‘darf’ und schließlich entschieden. Während die Menschen in “Das Kaninhop-Turnier” eigentlich ausschließlich Frauen sind, die ohne Männer und entsprechende Anerkennungs- und Akzeptanzfragen auskommen, ohne dass es ihnen auffällt, sind die Kaninchen eher ein bisschen satirisch rollenkonservativ gestaltet. Die Häsin ist allerdings deutlich überlegen ;) auch durch ihre Interaktion mit ihrer Zweibeinerin und natürlich als Hauptfigur. Informationen zu den Büchern gibt es auf kanninchenbuch(punkt)de weiter Informationen sind verlinkt (unser Internetluxusdampfer ist wwww.geliebte-tiere .de dort auch noch mehr Kommentare, Leseproben etc.)

    1. Dr. Ulrike Ritter says:

      Nachtrag: Bei der Bemerkung, dass wir überlegt haben, ob ein männliches Kaninchen über einen Jungen, der Herzchen auf das Foto von Häsin Hupps malt, “Wie süß!” sagen darf, haben wir DAFÜR entschieden. Das wichtige Wort fehlt aus Versehen im Text oben.

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