Kim Hye-Jin – Die Tochter

Kim Hye-Jin – Die Tochter

Es ist auch heute noch ein hochbrisantes Thema in Südkorea: Homosexualität. Wie brisant, das wird erst im Laufe des Romans deutlich. Denn die Protagonistin, eine konservative Krankenpflegerin, blendet geschickt alle Themen abseits ihrer eigenen Lebenswirklichkeit aus. Zu ihrer einzigen Tochter herrscht ein eher wortkarger, unterkühlter Umgang. Bis diese sie verzweifelt bittet, sie und ihre Partnerin zu unterstützen. Doch auch als die beiden jungen Frauen bei der Mutter einziehen, gelingt es dieser immer noch, die Augen vor der Lebenswirklichkeit ihrer Tochter und deren Beziehung zu verschließen.

Mit äußerster Anstrengung wischt sie leise Zweifel an der Art der Beziehung und der rebellischen Lebensweise ihrer Tochter weg. Doch als sich die Lage zuspitzt und diese in gewalttätigen Protesten verletzt wird, erkennt die Mutter doch langsam, in welch anderer Welt die Tochter lebt und dass sie selbst Teil des schädlichen Systems ist.

„Könnt ihr eine Familie sein? Zusammen Kinder haben?“
„Mama, es sind Leute wie du, die das verhindern. Hast du darüber schon mal nachgedacht?“

Dieses Thema erzählt das Buch aus einer eher ungewohnten Perspektive. Man begleitet die Mutter intensiv, wird Teil ihrer Gedankenwelt und bekommt Einblicke in die Sorgen und – zugegeben – sehr beschränkten Vorstellungen von Glück und Lebenszielen. Nur schwer kann sie sich vorstellen, dass Frauen gemeinsam Lust erleben, eine tiefe, dauerhafte Bindung zueinander eingehen können und dass Familie ohne eigene Kinder überhaupt existieren kann.

Zugleich gelingt es der Autorin Kim Hye-Jin immer wieder, Parallelen im Verhalten zwischen Mutter und Tochter zu zeigen. Und im Laufe des Romans entwickelt die Mutter selbst eine rebellische Ader. Oder war diese vielleicht schon immer Teil von ihr und sie hat es selbst nie zugelassen?

So oder so ist dieser Roman ein beeindruckender, weil er versucht, einen Perspektivwechsel, eine langsame und teilweise schmerzhafte Entwicklung zu illustrieren. An manchen Stellen hätte ich mir etwas mehr Deutlichkeit, eine etwas klarere Haltung gewünscht. Doch handelt es sich hier eben auch um einen südkoreanischen Roman, der aus einer anderen Kultur, einer der Andeutungen und Zwischentöne, entstammt.


Kim Hye-Jin – Die Tochter
Übersetzt von: Ki-Hyang Lee
Verlag: Hanser Berlin
Gebunden, 171 Seiten