Junge mit schwarzem Hahn – Stefanie vor Schulte

Junge mit schwarzem Hahn – Stefanie vor Schulte

Rezension

Es gibt Duos, die Geschichte machten. Figuren, die sich zusammen ins literarische Gedächtnis gebrannt haben. Geschichten über Mädchen und ihre Pferde, Jungen und ihre Hunde, Männer und ihre Wölfe oder Frauen und ihre Katzen. Mir fallen zahlreiche Geschichten ein, in denen eine enge Verbindung von Mensch und Tier eine Rolle spielen. Doch die Verbindung zwischen einem Jungen und einem Hahn – sowas gab es wohl noch nicht.

Und eigentlich ist es kein richtiger Hahn, der hier im Debüt von Stefanie vor Schulte die titelgebende Rolle spielt. Bis zuletzt fragt man sich, ob die Dorfbewohner*innen nicht Recht hatten, als sie unkten, dass in diesem Hahn der Teufel wohnt.

Als ich diesen Roman begann, fragte ich mich zunächst, wohin diese Geschichte über einen Außenseiter und seinen merkwürdigen gefiederten Freund führen sollte. Denn der Stil und das mittelalterliche (oder frühneuzeitliche?) Setting sind sehr ungewöhnlich. Der Ton dieses Buches erinnerte mich an “Das Parfum” oder eine klassische Parabel. Immer wieder ging mir durch den Kopf: Deutschlehrer lieben diesen Stil. Hier ist so vieles symbolträchtig, die Figuren wie in einem Puppenspiel Funktionsträger*innen. Die faulen, gierigen Würdenträger des Dorfes, die kluge Wirtstochter oder die traurige alte Witwe: Sie alle sind schnell beschrieben, sie erfüllen schnell ihre Rolle.

Doch dann passierte es: Ich habe mich auch verliebt. Ich war gefangen in dieser Welt von grausamer Märchenhaftigkeit und düsteren, kargen Orten. Da ist dieser Junge, so unberührt von dieser seltsamen Welt, als würden er und sein Hahn nicht Teil dieses Elends sein. Er leuchtet über sie hinweg. Ruhig und scheinbar in sich ruhend, nur der Hahn erlaubt sich emotionale Ausbrüche, zeigt den Zorn über diese klebrig-triste Welt, die sich um die beiden Figuren legt wie grauer Treibsand.
Als einziger Überlebender seiner Familie, selbst schwer verwundet, aber seitdem stets begleitet von dem schwarzen Hahn, lebt der Junge am Rande eines ärmlichen Dorfes, als eines Tages ein Maler erscheint. Er soll die Fresken an der Kirchenwand neu malen. Der Maler und der Junge freunden sich an und beschließen, gemeinsam durch die Welt zu ziehen. Die folgende Reise bringt sie an viele Orte, nicht weniger trostlos als das Heimatdorf.

Während des Lesens malte dieser reduzierte, zurückhaltende Erzählstil mit groben, gut platzierten Strichen eine Welt aus Bauern, müden dunklen Reitern, alten Weibern und verrückten Malern. Mit wenigen Worten entstehen staubige Wege, kriegsgebeutelte Ortschaften und schließlich verfluchte Schlösser vor dem inneren Auge. Vor diesen Kulissen breiten sich Geschichten, teilweise episodenhaft, über Verlust, Gier, Angst, aber auch Hoffnung und Verbundenheit aus.

Ein sehr ungewöhnlicher Plot, eine aus der Zeit gefallene Geschichte, die eindrücklich im Gedächtnis bleibt. Mich hat das Buch sehr überrascht und beeindruckt.

Eure Mareike


Stefanie vor Schulte – Junge mit schwarzem Hahn
Verlag: Diogenes
Gebunden, 224 Seiten