Julia Phillips – Das Verschwinden der Erde

Julia Phillips – Das Verschwinden der Erde

Seit dem Verschwinden ihrer Töchter bleibt ihr immer häufiger der Atem weg. Die Atemlosigkeit wird von Monat zu Monat schlimmer. Ihre Mädchen waren in den Sommerferien tagsüber viel draußen, während sie arbeiten war. Doch an diesem einen Tag im August kommen sie nicht nach Hause. Die intensive Suche bleibt erfolglos und in den kommenden Monaten wird der Fall zur Schreckgeschichte für viele Menschen der Kamtschatka-Region in Russland.

So zerbrechen Freundschaften, weil Mädchen nicht mehr nach der Schule rausdürfen, ein Polizist reibt sich an dem Fall auf und der Fall eines anderen verschwundenen Mädchens kommt ans Licht. Jedes Kapitel erzählt die Geschichte einer weiteren Figur, die mal mehr, mal weniger mit dem Fall zu tun hat. Dadurch verliert das Buch leider immer wieder den Fokus und es fiel mir zunehmend schwer, mir die Namen und Figuren zu merken, wodurch der eigentlich spannende Handlungsrahmen immer mehr an Drive verlor.

Man begleitet die Figuren ein Jahr lang. Monat für Monat dringt man tiefer in die Wirklichkeit der entlegenen Halbinsel Kamtschatka vor, doch ohne wirklich anzukommen. Es werden viele Themen angeschnitten wie Fremdenhass, enttäuschte Hoffnung in die neue Ordnung, Sehnsucht nach dem Kommunismus und das Misstrauen gegenüber den alten indigenen Völkern, Beziehungsprobleme, Mutter-Kind-Bindung und vieles mehr. Doch bringt es einem weder den verschwundenen Mädchen noch den anderen Figuren wirklich näher.

Einzige für mich erkennbare Verbindung ist die emotionale Enge. Die Tatsache, dass nicht nur die verzweifelte Mutter Marina auf der Suche nach ihren Mädchen ist, die schwer Luft bekommt. Alle Frauen in diesem Roman ringen nach einem kleinen bisschen Luft zum Atmen, nach Selbstbestimmung und einem Weg nicht zu verschwinden. Doch ist dies eigentlich keine ausreichende Verbindung für einen vollständigen Roman.

Leider gelingt es der Autorin nicht, die Spannung über die gesamte Handlung hinweg zu halten. Immer wieder frage ich mich nach der Notwendigkeit dieser oder jener Nebenhandlung, und auch am Ende sind mir manche Dinge unklar. Das Debüt der in Brooklyn lebenden Julia Phillips erzählt eine Geschichte über eine entlegene Region in Russland und die dort lebenden Frauen. Verpackt in eine thrillerartige Rahmenhandlung über die Entführung zweier kleiner Mädchen und der Suche nach ihnen. Doch bleiben die Enden lose, die Figuren und die manchmal anekdotenhaften Geschichten stehen wie Kurzgeschichten im Raum und können auch nicht durch das Ende befriedigend zusammengeführt werden.

Eure Mareike

Eine weitere Besprechung findet ihr bei Buchsichten.


Julia Philips – Das Verschwinden der Erde
Aus dem amerikanischen Englisch von Pociao und Roberto de Hollanda
Verlag: dtv
Gebunden, 376 Seiten