James M. Cain – Mildred Pierce

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Roman Mildred Pierce neben Teetasse

Auf dem Klappentext von “Mildred Pierce” steht: “Der große Klassiker der amerikanischen Literatur”. Mir war dieser Roman aus den 40er Jahren bisher vollkommen unbekannt. Vor einigen Jahren hatte ich am Rande mitbekommen, dass es eine gleichnamige Serie mit Kate Winslet in der Hauptrolle geben würde, doch ist auch die nie so richtig in Deutschland angekommen – oder täusche ich mich hier?

Dabei ist dieser Roman ein ganz besonderes Glanzstück der modernen Literatur, das mich durchgängig fesselte. Besonders die Ambivalenz der Figurendarstellung ist außergewöhnlich und habe ich in der Form selten in Romanen erlebt. Im Gegenteil: Die sehr differenzierte, nie ganz eindeutige Darstellung der Figuren erinnerte mich eher an moderne Serien.
Angefangen bei der titelgebenden Mildred Pierce, die man auf ihrem emanzipatorischen Weg von der mittellosen Hausfrau zur erfolgreichen Unternehmerin begleitet, bis hin zu ihrem (Noch-)Ehemann und seiner plumpen Geliebten kann man jeder Figur etwas abgewinnen. James M. Cain gelingt es, jeden glaubhaft und zugleich voller Widersprüche und Fehler zu beschreiben – ohne dabei je den Bogen zu überspannen.

Mit einem besonderen Blick beschreibt er die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise der 20er Jahre auf das Selbstbild von Männern und Frauen. Männer konnten ihrer klassischen Ernährerrolle nicht mehr nachkommen, teilweise traumatisiert vom Ersten Weltkrieg führt das etliche von ihnen an den Rand des Erträglichen. Da ist es fast erleichternd, dass Mildreds Mann sich nur eine Geliebte sucht, bei der er den Großteil seiner arbeitslosen Zeit verbringt.

Doch es sind Frauen wie Mildred, die Lösungen finden mussten: Die Kinder brauchten Essen und Kleidung, das Haus musste bezahlt werden – wie weit war man als Frau bereit zu gehen? Diese Frage stellt sich die Protagonistin immer wieder. Der zentrale Konflikt dabei ist der zwischen ihr und ihrer ältesten Tochter, die Würde und Selbstachtung über alles stellt.

Was aber tut man mit den eigenen hohen Moralvorstellungen, wenn man hungert? Wie lange kann man elegant und mit Stil vor die Hunde gehen?
Mildred ist pragmatische und findige Amerikanerin, die das Prinzip des Manifest Destiny so verinnerlicht hat, dass sie sich recht schnell buchstäblich von der Tellerwäscherin zur Millionärin hocharbeitet.

Dieser Weg ist beschwerlich und voller Rückschläge – besonders privat zahlt sie einen hohen Preis für ihren Erfolg. Zugleich verändert sie sich und durchlebt eine beeindruckende Wandlung.

Für mich aber von zentraler Bedeutung ist die Soghaftigkeit, mit der mich dieser Roman in fesseln konnte. Ich habe in knapp zwei Tagen das gesamte Buch gelesen und konnte es kaum aus der Hand legen.
Dieser Entwicklungsroman einer jungen Frau hin zu einer Geschäftsfrau, die ihre internalisierte Rolle als Mutter nie vollkommen ablegen kann und daran fast zerbricht, hat mich sehr gut unterhalten und zugleich immer wieder an meine Verständnisgrenzen gebracht. Alle Figuren reagieren vielseitig, intrigant und brutal. Doch zugleich bleiben sie ihren alten Mustern treu. Besonders die Mutter-Tochter-Beziehung von Mildred zu ihrer Ältesten Veda ist so voller vielschichtiger Probleme und Muster, dass allein dies ein eigenes Buch sein könnte.
Doch James M. Cain schafft es sehr dicht enorm viele Konflikte, vielschichtige Figurenkonstellationen und Motive in diesem Roman unterzubringen, dass man immer wieder überrascht wird.
Zwar kommen die Frauen insgesamt besser weg als die Männer, doch gibt es auch hier keine strahlende Heldin. Niemand ist hier ohne Fehler, sondern stets getrieben von den eigenen Ambitionen und dem Selbstbild, das nie mit der Realität übereinzustimmen scheint.

Ich habe keinen direkten Vergleich, doch vermute ich, dass auch die Neuübersetzung durch Peter Torberg deutlich zum flüssigen Lesevergnügen beigetragen hat. Mildred Pierce liest sich erstaunlich modern und ich verstehe nun sehr gut, warum dies ein amerikanischer Klassiker ist.

Eure Mareike

Ebenfalls begeistert: Unendlich Vielseitig. Schaut mal in ihre Besprechung.


James M. Cain – Mildred Pierce
Aus dem Englischen von Peter Torberg
Verlag: Arche
Gebunden, 414 Seiten

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2 Comments

  1. Bri says:

    Super Tipp, vielen Dank liebe Mareike. Das kommt auf die Liste. LG, Bri

  2. Cora says:

    Liebe Mareike,

    danke für die tolle Rezension! Das Buch wandert direkt auf meine Leseliste. Ich bin immer auf der Suche nach tollen Geschichten, in denen sich Frauen emanzipieren.

    Liebste Grüße
    Cora

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