Ich, Ophelia – Ein feministischer Blick auf Hamlet?

Posted on

Betrachtet man den literarischen Diskurs der letzten Jahre, so wird die weibliche Perspektive immer häufiger gefordert und bekommt vermehrt einen Platz in den Buchregalen eingeräumt. Gerade ist der neue Roman von Feridun Zaimoglu “Die Geschichte der Frau” erschienen, in dem der Autor zehn Frauen der Menschheitsgeschichte zu Wort kommen lässt – und ist direkt für den Leipziger Buchpreis nominiert worden.
Lassen wir es dahingestellt, dass hier ein Mann diese Vermittler- und Stimmgeber-Funktion übernehmen möchte.

Die Idee ist zumindest nicht innovativ. Lisa Klein hat einen ähnlichen Versuch bereits 2006 mit ihrem Buch über Shakespears Ophelia versucht.
Ich spreche hier bewusst von versucht, denn mich konnte dieses Buch in seiner Umsetzung nicht überzeugen.

Ich, Ophelia erzählt das Drama um den dänischen Königssohn Hamlet aus der Perspektive seiner heimlichen Frau Ophelia.
Als LeserIn begleitet man Ophelia durch eine lieblose, durch höfische Intrigen geprägte Kindheit. Die Mutter viel zu früh gestorben, der Vater von Ehrgeiz zerfressen und ein stets auf seinen eigenen Vorteil bedachter Bruder sind die kleine Familie des verträumten Mädchens.

Über viele Kapitel erfährt man von der ausgeprägten Naivität der Protagonistin. In stiller Bewunderung sieht sie bereits als Zehnjährige zum heroischen Hamlet auf und hofft auf seine Gunst. Diese Kapitel waren für mich eine Geduldsprobe. Denn ich muss gestehen, dass ich bei dem Cover kein Coming-of-Age erwartet habe.
Doch genau dorthin entwickelte sich die Handlung.

Ophelia wird schließlich Hofdame bei Hamlets Mutter, der Königin Gertrud, die nach dem Tod ihres geliebten Mannes Claudius ziemlich schnell den vermeintlichen Königsmörder heiratet. Die Begründung: Sie sei nunmal gewöhnt Königin zu sein. So viel zum feministischen Aspekt dieses Buches.

Insgesamt sind die Anteile von weiblicher Perspektive doch recht gering. Ophelia eignet sich, fast beiläufig, ein medizinisches Fachwissen über Kräuter und Salben an – eine Anspielung auf das Heilwissen kräuterkundiger Frauen des Mittelalters. Doch schlussendlich wird ihr Handeln doch wieder durch die Männer der Erzählung geprägt. Selbst in dem Moment, als sie ein französisches Nonnenkloster betritt und hier erstmalig auf sich selbst gestellt ist, geht es um die jungfräuliche Beziehung der Nonnen zu Jesus.

Es ist eine Krux mit diesem Buch: In vielen Ansätzen gefällt mir die Idee und auch ein paar der Wendungen fand ich geschickt gelöst.
Doch insgesamt ist Ophelia nach wie vor eine recht stimmlose Figur, ein Spielball des Schicksals. Und das Buch leider nah am Kitsch angesiedelt, in der das Happy End nur in den Armen eines Mannes zu finden ist.

Joa, kann man machen. Vielleicht würde Lisa Klein es aber jetzt nach 13 Jahren auch anders enden lassen. Irgendwie hoffe ich es.

Eure Mareike


Lisa Klein – Ich, Ophelia
Aus dem Amerikanischen von Klaudia Ruschkowski
Verlag: Insel
Taschenbuch, 367 Seiten

  • Share

0 Comments

Leave a comment

Your email address will not be published.

Bitte erklär dich damit einverstanden, dass deine Daten einzig für den Zweck des Kommentarschreibens in unserem System gespeichert werden.