Hexen und Feminismus: Lolly Willowes

Hexen und Feminismus: Lolly Willowes

Schon immer war das Hexentum dem konservativen, häuslichen und patriarchalen Weltbild ein Dorn im Auge. Kein Wunder – so steht eine Hexe traditionell abseits der gesellschaftlichen Erwartung und lebt nach ihren eigenen, meist unchristlichen Gesetzen. Sie ist auf eine Weise frei, wie es sonst keiner Frau jahrehundertelang vergönnt war.
Es verwundert also keineswegs, dass Hexen und Feminismus sehr viele Schnittstellen haben. Doch gibt es in meinen Augen noch viel zu wenig Romane, die diese beiden Bereiche wirklich intensiv bearbeiten.

Doch vielleicht gab es durchaus immer mal wieder Romane und Erzählungen, die das taten, sind jedoch in Vergessenheit geraten. Ein Beispiel ist Lolly Willowes oder Der liebevolle Jägersmann. Der wiederentdeckte emanzipatorische Hexenroman von Sylvia Townsend Warner aus dem Jahr 1926 hat dies bereits vor 100 Jahren auf eine sehr charmante, vorausdeutende Weise getan, dass es auch heute noch eine Freude ist, ihn zu lesen.

Tatsächlich war ich vom Cover und auch dem Titel zunächst davon ausgegangen, dass das Hexenthema eher im spirituellen, metaphorischen Sinne thematisiert werden würde. Der Roman beginnt ganz charmant, bodenständig. Lolly Willowes wird als die altjüngferliche Tante eingeführt, die niemand so recht haben mag. Nach dem Tod ihres Vaters ist es an ihrem ältesten Bruder, sich um sie zu kümmern. Man nimmt sie – ein wenig resigniert – auf und sie fügt sich in ihre Rolle als die nette Tante ein und zieht ihre Nichten und Neffen mit groß. Doch dann sind diese erwachsen und sie hat all ihre gesellschaftlich erwarteten Rollen erfüllt. Sie fragt sich: Was nun?

Trotzdem ist es ein Schock für ihr nahes Umfeld, als sie eines Tages verkündet, dass sie allein in eine kleine Wohnung aufs Land zieht. In eine Gegend, in der sie niemand kennt. Einfach, weil sie den Namen des Ortes nett fand. Irrational? Vielleicht. Doch auch der erste Schritt in ein selbstbestimmtes Leben.

Dass das Dorf, in das sie nun zieht, etliche seltsame Gewohnheiten hat und ihr immer wieder merkwürdige Dinge passieren, scheint sie nicht allzu sehr zu beunruhigen. Im Gegenteil: Aus Tante Lolly wird Stück für Stück Laura. Eine sinnliche, selbstbewusste und mutige Frau, die sich in der Natur und im Alleinsein findet.
Es ist erstaunlich, wie sich der Stil von der passiven Beschreibung der “armen Tante” ebenfalls schrittweise über den Roman hinweg verändert. Wie sich Laura Willowes die Handlung und die Erzählperspektive erkämpft und sich damit von der Wertung und ihren Zuschreibungen befreit.

Wenn ihr einen überraschenden, emanzipatorischen Roman aus dem frühen 20. Jahrhundert lesen wollt, in dem durchaus auch der Teufel einen Auftritt hat, dann solltet ihr unbedingt dieses Buch lesen. Denn das hübsche Cover täuscht: Lolly – Laura Willowes ist kein Mauerblümchen.

Eure Mareike


Sylvia Townsend Warner – Lolly Willowes oder Der liebevolle Jägersmann
Deutsch von Ann Anders
Verlag: Dörlemann
Gebunden, 268 Seiten