Heraus aus der Finsternis

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Geschichte hat mich schon immer interessiert. Das liegt vielleicht zum Teil daran, dass ich aus einer historischen Fachwerkstadt komme, in der jeder Stein Geschichte atmet. Ich ging oft durch die alte Burgstraße oder am Welfenschloss vorbei und stellte mir vor, wie vor 100, 200 oder 500 Jahren genau hier ebenfalls ein junges Mädchen entlang ging. Was mag sie wohl gesehen haben? Gedacht, getragen und erlebt?

Der Geschichtsunterricht in der Schule behandelte zwar diese Zeiträume, jedoch stets aus der Makroperspektive. Sprich: Die großen politischen Zusammenhänge, Kriege und Reformen, Einwohnerzahlen und Erfindungen waren Teil des Stoffs. Womit wir uns nie beschäftigten: der Lebenswirklichkeit der Menschen. Vor allem die einfachen Menschen, die nicht Teil der Weltpolitik waren, blieben unsichtbar.
Erst im Studium näherten wir uns auf der Mikroebene vergangenen Zeiten. Eines meiner Lieblingsseminare war “Stadtgeschichte als Kulturgeschichte”. In Gruppen haben wir uns je einer Stadt angenommen und zu jeder Stunde den jeweiligen Zeitabschnitt anhand von verschiedenen Quellen vorbereitet. Maike und ich waren in der Frankfurt-Gruppe. Was für eine faszinierende Stadt! Hier traf so viel aufeinander: Freistadtgeist, Buchhandel, das Bankenwesen und Keimzelle des politisch mündigen Bürgers.

Das perfekte Beispiel also, um zu zeigen, wie vielschichtig der Alltag in dieser Stadt in unterschiedlichen Epochen war. Ideal, um den miefigen Jahreszahlen-Geschichtsunterricht zu verlassen und sich auf Zeitreise zu begeben.
Genau das bietet “Heraus aus der Finsternis”, eine Graphic Novel herausgegeben von Junges Museum Frankfurt. Sie zeigt den Alltag von ein paar Frankfurter Mädchen vor der Blaupause der Frauenrechtsbewegung 1918/19 und erzählt eine eigene Geschichte vom Finden einer Stimme in einer Zeit des Umbruchs. Kindgerecht aufbereitet mit einigen Fußnoten und einem Glossar am Ende richtet sich diese sehr modern von Annelie Wagner gestaltete Graphic Novel an junge Geschichtsinteressierte.

“Heraus aus der Finsternis” war eine Forderung der Frauenwahlbewegung

Der Alltag der Mädchen ist geprägt vom Hunger, denn es herrscht Krieg und oft muss man stundenlang für einen Laib Brot anstehen. Doch auch die tägliche Angst, an die Jungsbanden des jeweiligen Viertels zu geraten, ist allgegenwärtig. Überall haben sich die Jungs zusammengetan und drangsalieren Kleinere und Mädchen. Nach einigen Vorfällen beschließen die Freundinnen Käthe, Jenny, Franziska und Josephine nach dem Vorbild der großen Frauenwahlrechtsvereine ebenfalls einen Verein Frankfurter Mädchen gegen Gewalt zu gründen. Denn sie wollen sich nicht mehr wegducken und verstecken müssen, wenn sie durch die Straßen gehen.

Die Geschichte macht sehr viel Spaß und erzählt sehr charmant nebenbei vom Alltag der Kinder von vor 100 Jahren.
Früher hätte ich diese Art von Geschichtsvermittlung geliebt. All die kleinen Details über Klickerwasser, beliebte Spiele und die Arbeitsbedingungen der Frauen werden nebenbei vermittelt. Das macht neugierig auf mehr.

Eure Mareike


Annelie Wagner und Christopher Tauber – Heraus aus der Finsternis
Hrsg: Junges Museum Frankfurt
Verlag: Zwerchfell Verlag
Gebunden, 52 Seiten

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1 Comments

  1. Ivy says:

    Die Graphic Novel liegt auch noch auf meinem SUB. Ich hoffe ich werde die nächsten Tage dazu kommen, es zu lesen. Ich bin wirklich super gespannt drauf!

    Liebste Grüße
    Ivy

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