Helen Simonson – Der letzte Sommer

Helen Simonson – Der letzte Sommer

Ich möchte jubeln, weil ich mir so lange mal wieder ein solches Leseerlebnis gewünscht habe. Ich war völlig im Leserausch. Die über 500 Seiten habe ich in wenigen Stunden verschlungen und bin mir sicher, dass ich dieses Buch nicht zum letzten Mal gelesen habe.

1914, England: Die junge Beatrice Nash soll nach dem Tod ihres Vaters ihre erste Stelle als Lehrerin annehmen. Einen Ehemann sucht sie nicht, zu sehr genießt sie ihre Unabhängigkeit und ihre Berufung als Lehrerin. Endlich weg von der missgünstigen und geldgierigen Tante, möchte sie in dem kleinen Ort als Lateinlehrerin ein neues Leben beginnen. Doch hier erwartet sie ein störrischer Schulbeirat, der nur auf Drängen zweier weiblicher Mitglieder eine Frau für die Stelle in Erwägung zog. Nun ist man geschockt, dass man keine alte, graue Jungfer vor sich hat, sondern eine junge, schöne Frau. Auch zur Überraschung von Lady Agatha, die sich für die Einstellung der jungen Frau so einsetzte und nun um ihren eigenen Ruf fürchtet, sollte es zu Komplikationen kommen. Dass die Komplikation in Form ihrer beiden attraktiven Neffen im eigenen Haus sitzen, ahnt die Lady jedoch nicht.

Die Vergleiche mit viktorianischen Vorbildern muss dieses Buch nicht scheuen. Nicht umsonst fühlt man sich an Romane von Elisabeth Gaskell, Jane Austen oder Thomas Hardy (in fröhlich!) erinnert. Der Fokus liegt auf einem typischen südenglischen Dorf und dem klassischen, etwas schrulligen und vor allem übergriffigen Personal. All die alten Damen, die es natürlich besser wissen und vor kleineren Intrigen bis Staatsaffären nicht zurückschrecken, wenn ihre gewohnte Ordnung in Gefahr ist.

Als großer Fan von Gaskells “Frauen und Töchter” oder “Cranford” habe ich mein Herz vollkommen an diesen Roman verloren. Er enthält tatsächlich alle Elemente, die zu einem solchen Roman gehören müssen: selbstbewusste, fortschrittliche Protagonistin, zwei junge Männer, die unterschiedlicher nicht sein könnten, ein paar schrullige und very sophisticated Damen, ein Skandal und jede Menge Unausgesprochenes. Ich will nicht behaupten, dass dieses Buch hohe Literatur ist oder vollkommen innovativ. Das wohl eher nicht. Doch Helen Simonson ist das wundervolle Kunststück gelungen, einen Roman zu schreiben, der sich so herrlich gemütlich und vertraut anfühlt, wie ein neues Buch der Lieblings-Brontë, ohne dabei langweilig oder vorhersehbar zu sein.
Ja, es ist ein Stück Gemütlichkeit zwischen zwei Buchdeckeln. Das ist sicherlich nicht jedermanns Sache, doch ich würde gern viel mehr solcher Bücher entdecken.

Fazit


Also, wenn ihr gern einmal in einem Jane-Austen-Buch verschwindet, für Mr. Darcy den Herzensmann eiskalt von der Bettkante schubsen würdet – natürlich nur für die Länge eines Buches – dann ist “Der letzte Sommer” das perfekte Buch für euch.

kleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefüllt

Eure Mareike


Helen Simonson – Der letzte Sommer
Übersetzung: Michaela Grabinger
Verlag: Dumont
Gebunden, 576 Seiten, 22,99€