Hanna Bervoets – Dieser Beitrag wurde entfernt

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Ich weiß nicht, ob ihr es wusstet, aber ich habe mal für Facebook und Instagram gearbeitet. Nicht lang, denn die Arbeit in der Agentur damals war nicht meine Welt. Doch erinnere ich mich sehr gut daran, dass uns an sehr langen, anstrengenden Tagen immer gesagt wurde: Seid Dankbar, dass ihr nicht bei der anderen Agentur arbeiten müsst – die kümmern sich um die gemeldeten Beiträge. Das ist nichts, was man lange machen möchte. Die Armen können all das Gemeldete nie mehr ungesehen machen.

Ich weiß nicht, warum uns das aufbauen sollte, doch blieb bei mir das eindringliche Bild hängen, dass da irgendwo im Umland von Berlin etliche Menschen sitzen, die sich den ganzen Tag mit all dem beschäftigen, was wir nicht zu sehen bekommen. Mit all den Grausamkeiten, Absonderlichkeiten, Verschwörungen und Folterungen, die auf Video oder Bild gebannt wurden. Tag für Tag ist es ihr Job, nicht nur diese Inhalte zu sehen, sondern sie auch nach einem genauen Regelkatalog zu bewerten und zu entscheiden, ob diese Inhalte harmlos oder zu löschen sind.

Die niederländische Autorin Hanna Bervoets widmet nun diesen Menschen, die überall auf der Welt für unterschiedlichste soziale Netzwerke dieser Arbeit nachgehen. Sie erzählt von Kayleigh und ihren Kolleg*innen, die sich jeden Tag mit zunehmend erhöhter Taktung hunderte verstörender Bilder und Videos anschaut. Von gequälten Tieren und Kindern, über Hass und Rassismus bis hin zu Selbstmorden: Alles hat eine Kategorie und muss genau gesichtet werden. Doch macht es etwas mit den Menschen, hinterlässt in ihren schleichend einen Negativabdruck der Bilder, die sie da ständig konsumieren.
Jede*r verarbeitet das Gesehene anders. Kayleigh beginnt an sich und ihrer Umgebung zu zweifeln. Einige ihrer Kolleg*innen driften ab in Verschwörungstheorien, werden selbst zu Verbreitern des Giftes, dass sie aus dem Netz entfernen sollen. Andere entwickeln Ängste, können die Bilder nicht mehr vergessen. Und auch Kayleigh beginnt Grenzen zu überschreiten.

Dieser Roman, so dünn er auch sein mag, geht unter die Haut. Er macht sichtbar, was der Preis ist, den eine Gesellschaft dafür zahlt, dass jede*r jederzeit alles posten kann. Jemand MUSS es sich anschauen und zahlt dafür einen seelischen Preis, den wir aktuell noch gar nicht richtig ermessen können. So scharfsinnig und sensibel sich die Autorin dem Thema nähert, ist dieses Buch ein Highlight und sehr gute Literatur.


Hanna Bervoets – Dieser Beitrag wurde entfernt
Übersetzt von Rainer Kersten
Verlag: Hanser Berlin
Gebunden, 108 Seiten