Haie in Zeiten von Erlösern – Kawai Strong Washburn

Haie in Zeiten von Erlösern – Kawai Strong Washburn

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Hier ist er, euer Erlöser! Er wird Hawaii und vielleicht sogar die ganze Welt retten! Lasst uns mal abwarten, wie er uns alle rettet!

So scheint es, als die ersten Wunder um den kleinen Nainoa auftreten. Zunächst wird er von Haien gerettet – sanft in ihrem Maul zum Boot zurückgetragen, dann scheint er Heilkräfte zu entwicklen. Die alten Hawaiianischen Götter werden häufiger nachts gesichtet – alles spricht dafür, dass von diesem Jungen Großes zu erwarten sein wird. Für die Familie, die stets am Rande der Armut entlangschrammt, ist dieser Junge ihr Zeichen, dass sie bessere Zeiten erwarten. Das Versprechen der Götter, dass irgendwann goldene Zeiten auf dem wirtschaftlich gebeutelten, von Arbeitslosigkeit geprägten Inselstaat warten.

Also warten sie. Und warten. Die Jahre ziehen ins Land. Aus Nainoa und seinen beiden Geschwistern werden sehr unterschiedliche Teenager und junge Erwachsene. Sie alle zieht es aus der Trost- und Hoffungslosigkeit der Inseln fort Richtung Festland.

Nainoa will den Erwartungen der Eltern entfliehen und sein Bruder und seine Schwester seinem Schatten entkommen. Doch sie alle spüren den Ruf der Insel, der alten Götter und dass sie drei mehr tun können für das Fleckchen Erde, mit dem sie verbunden sind. Jede*r geht seinen Weg, um mit den Erwartungen der Familie, den eigenen Wünschen und der ungewissen Zukunft Hawaiis umzugehen. Dies ist kein strahlender Roman über göttliche Erlösung – es ist einer über das, was uns im tiefsten Kern antreibt.

Der Stil von Kawai Strong Washburns Debüt ist kein sehr zugänglicher. Man wechselt ständig zwischen den Perspektiven der Hauptpersonen und jede*r hat einen ganz eigenen, teilweise sehr anstrengenden Sprachduktus, der es sicherlich auch der Übersetzerin Cornelia Holfelder-Von der Tann nicht leicht machte. Man braucht eine ganze Weile, um einen roten Faden zu erkennen. Fast 150 Seiten habe ich auf eine klare Fokussierung auf Nainoa gewartet, bis ich begriffen habe, dass es eigentlich eine Geschichte über drei Geschwister und ihr Aufwachsen ist. Sie stolpern, scheitern, zweifeln und machen Fehler. Doch am Ende ruckelt sich ihr Leben zurecht, sie finden sich selbst und ihren Weg, mit dem umzugehen, was dann noch da ist.

Dieser Roman ist ungewöhnlich, folgt – trotz sehr klassischem, fast biblischem Kernmotiv, keinen üblichen Erzählmustern. Das hat mich an manchen Stellen angestrengt, ja fast genervt, doch im Rückblick fügt sich alles zu einer sehr runden, versöhnlichen Geschichte über eine Familie, die ihrem Land auf magische Weise verbunden ist.

Ein spannender Vibe!


Kawai Strong Washburn – Haie in Zeiten von Erlösern
Übersetzung von Cornelia Holfelder-Von der Tann
Verlag: Luchterhand
Gebunden, 448 Seiten