Glennon Doyle – Ungezähmt

Glennon Doyle – Ungezähmt

Was macht uns im Kern aus? Was ist unser Wesen und ab wann hat die Gesellschaft begonnen uns soweit einzuschränken, dass wir uns hinter Konventionen und Erwartungen zu verstecken begannen?

Das ist die Kernfrage, der sich Glennon Doyle selbst stellen musste, als sie realisierte, dass sie sich in eine Frau verliebt hatte. Sie musste sich selbst fragen, ob ihr sehr konservativ-christliches Leben mit ihrem Ehemann und den gemeinsamen Kindern das Leben ist, das ihr gut tut und das ist, was sie glücklich macht.

In dieser Sammlung aus Gedanken, Erinnerungen und kleinen Alltagssituationen beschreibt sie die Erkenntnisse, die sie auf dem Weg zu ihrem jetzigen Leben sammelte.
Sie beschreibt die Erwartungen und den Druck – sowohl von Außen als auch internalisiert – die sie über viele Jahre eingeengt haben. Sie erzählt von ihrer Drogen- und Alkoholabhängigkeit, ihrem Wandel hin zu einer engagierten Vorzeigemutter in einer sehr christlichen Umgebung.

Dabei springt sie von Kapitel zu Kapitel, hält sich nicht an eine strenge Chronologie oder bleibt linear. Viel mehr beleuchtet sie verschiedene Aspekte ihres Lebens und die Reaktionen ihres Umfelds darauf. Dabei wird deutlich: Dieses Buch ist ein sehr amerikanisches.
Die Probleme und die Hindernisse, denen sie sich stellen muss, scheinen mir Teil der amerikanischen, puritanisch geprägten Kultur zu sein.
Das bedeutete für mich häufig, dass ich ihre Probleme nur sehr schwer nachvollziehen und und ihre Befreiungsschläge nur wenig in ihrer Bedeutung wertschätzen konnte.

Sprich, ich dachte sehr oft augenrollend: Das ist wirklich ein Problem für dich? Darüber hast du vorher wirklich noch nie nachgedacht?
Vielleicht habe ich ein weitaus radikaleres, umwälzenderes Buch erwartet. Ein Buch, das offen und ehrlich den Finger in die Wunde legt. Eine Selbstreflexion, die zugleich die Probleme der konservativen amerikanischen Gesellschaft aufzeigt.

Stattdessen neigt Glennon Doyle zu Kalendersprüchen und dazu, die Menschen in ihrem Umfeld sehr wohlwollend zu zeichnen. Ihr Ex-Mann ist unglaublich wertschätzend, liebe- und verständnisvoll, die Kinder klug und besonnen. Alle nehmen die neue Frau perfekt in ihre Mitte auf. Es gibt keinen Streit und keine Schwächen – nur eine Menge Glitzer und unreflektierte Privilegien einer reichen, weißen Amerikanerin.

Es gibt sicherlich eine Menge Frauen, die aus diesem Buch für sich kluge Erkenntnisse ziehen können. Die sich erstmals mit der misogynen Sozialisation unserer Welt auseinandersetzen. Die ein wenig Zuckerguss-Feminismus gebrauchen können und vielleicht hier sich selbst wiederfinden können. Mir fehlten die Ecken und Kanten.


Eure Mareike


Glennon Doyle – Ungezähmt
Übersetzt von: Sabine Längsfeld
Paperback, 352 Seiten

Weitere Besprechungen bei anderen Blogger*innen:

Bei veralitera.de
Bei dieliebezudenbuechern.de
Bei Solairesstories.com