Gesichter – Tove Ditlevsen

Gesichter – Tove Ditlevsen

„Es gibt eine Menge Menschen, aber noch viel mehr Gesichter, denn jeder hat mehrere.“

Gesichter und Stimmen sind die surrealen Motive in diesem Roman von Tove Ditlevsen, der nur kurz nach ihren autobiographischen Büchern „Kindheit“ und „Jugend“ erschienen ist. Es ist eindeutig ein Roman, die Figur Lise Mundus und auch die anderen Personen sind rein fiktional. Doch lässt sich eine gewisse autobiographische Nähe nicht leugnen: So trägt die Protagonistin Lise Mundus den Mädchennamen von Ditlevesens Mutter. Außerdem befindet sie sich in einer Schaffens- und Schreibkrise, die sie in die Abhängigkeit von Medikamenten stürzt. Doch auch die zweifelhafte Beziehung zu ihrem Arzt, der den selben Namen wie den der Schriftstellerin trägt, weist Parallelen zu den düsteren Kapiteln in dem Leben der genialen dänischen Autorin auf.

So hat mir dieses Vorwissen ein wenig Orientierung gegeben, um nicht selbst völlig in der Geschichte zu verschwinden. Denn die Ich-Erzählerin Lise Mundus ist alles andere als klar oder zuverlässig. Man taucht ein in ihre Welt der flüsternden Kissen, mordlüsternden Dienstmädchen, die ihr leise im Schlaf grausame Dinge versprechen. Niemandem ist zu trauen. Wahn und Wirklichkeit steigern sich von Seite zu Seite in immer wildere Geschichten und beim Lesen fällt es zunehmend schwer, der Handlung(?) zu folgen. Teilweise war es für mich besser, das Buch nur in kleinen Häppchen zu lesen und mich dabei auf die ganz hervorragende Übersetzung und die wunderschönen Sätze zu konzentrieren. Die eigentliche Handlung löst sich zwischendrin in einem Rausch an Gesichtern auf, doch findet sie gegen Ende zu einer Klarheit und einem hoffnungsvollen Ausblick zurück. Das hat mich mit dem wenig zugänglichen Mittelteil wieder versöhnt.


Tove Ditlevsen – Gesichter
Übersetzer:in: Ursel Allenstein
Verlag: Aufbau
Gebunden, 160 Seiten