Fuminori Nakamura – Der Dieb

Fuminori Nakamura – Der Dieb

Fuminori Nakamuros “Der Dieb” landete auf meiner Wunschliste, direkt nachdem ich ihn im Programm des Diogenes-Verlags entdeckt hatte. Dieser literarische Thriller wurde bereits im Vorfeld in den höchsten Tönen gelobt – und zwar auf eine Art und Weise, die mich wahnsinnig neugierig machte. Jetzt hat mich das Buch auf der Zugfahrt von Frankfurt am Main nach Hamburg begleitet. Eine gute Entscheidung, so viel kann ich schon mal vorweg nehmen!

Der namenlose Ich-Erzähler ist ein moderner Robin Hood: Bei seinen Streif- bzw. Raubzügen in den Tokioter Straßen und überfüllten U-Bahnen sucht er sich seine Opfer sehr genau aus. Immer sind sie wohlhabend (er erkennt sie an der guten Kleidung) und männlich. Und die meisten machen es ihm auch wahnsinnig einfach, sie tragen ihre Portemonnaies an leicht zu erreichenden Stellen. Hat er seine Beute, dann sorgt er dafür, dass die Besitzer den Rest ihres Eigentums zurückerhalten und wirft die ums Bargeld erleichterten Börsen in Briefkästen.
Der Dieb

Eigentlich ist er nur einer von vielen Taschendieben in Tokio und die Geschichte könnte hier sterbenslangweilig sein. Doch dann taucht Ishikawa auf, ein alter Freund unseres Ich-Erzählers, und bittet ihn um Hilfe. Es geht um einen bewaffneten Raubüberfall, der für Ishikawas Boss Kizaki durchgeführt werden soll. Letzterer ist ziemlich eindeutig ein Mitglied der japanischen Mafia, und der Auftrag eigentlich nicht in der Größenordnung, in der sich der Ich-Erzähler bewegt. Dennoch steht er dem Freund zur Seite – außerdem stimmt die Bezahlung. Der Coup gelingt und sorgt für Aufsehen in Politik und Wirtschaft, doch Ishikawa ist seitdem spurlos verschwunden.

Eines Tages beobachtet der Ich-Erzähler beim Einkaufen einen kleinen Jungen, der von seiner Mutter zum Stehlen angehalten wird. Nach mehreren Begegnungen freunden sich die beiden an und er wird für ihn zu einer Bezugsperson. Genau hier wird der Roman spannend, denn nur weil Ishikawa aus seinem Leben verschwunden ist, gilt das nicht für Kizaki.

Nakamuras Roman ist ein verhältnismäßig dünnes Büchlein, wenn man bedenkt, wie viel der Autor auf den Seiten unterbringt. Doch schon nach den ersten Seiten ist klar, warum ihm das gelingt. Seine Sprache ist knapp und sehr genau gewählt, er schreibt schnörkellos, prägnant und beschränkt sich auf die wichtigsten Informationen. Der Leser erfährt nichts, was für die Handlung nicht unbedingt erforderlich ist. Das ist auch gut, denn die hat es in sich. Die verschiedenen Handlungsstränge sind elegant miteinander verwoben und nach und nach erkennt man, dass vieles von langer Hand geplant und weniges Zufall war. Es geht um Macht, Machtlosigkeit und das eigene Schicksal. Und es bleibt bis zum Ende spannend und herausragend. So sehr, dass ich immer schneller gelesen habe und das Buch trotz Buchmesse-Müdigkeit einfach nicht weglegen konnte. Und dabei lese ich sonst gar keine Thriller…

Fazit


Lieber Diogenes Verlag, sind da bitte noch weitere Übersetzungen ins Deutsche geplant? Der Autor hat in mir auf jeden Fall einen neuen Fan gewonnen, ich bin restlos begeistert. Er beschreibt das Geschehen so emotionslos, dass man einfach nicht von dem Buch wegkommt – und das in einer so ruhigen Sprache, dass es einem eiskalt den Rücken runterläuft.

kleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefüllt

Eure Maike


Fuminori Nakamura – Der Dieb
Verlag: Diogenes
224 Seiten, Hardcover, 22 €