Freundschaftsromantik, Schwesternschaft und Schelmenstück

Freundschaftsromantik, Schwesternschaft und Schelmenstück

Die letzten Monate passiert hier auf dem Blog eher etwas in Wellenform: Mal schreibe ich konzentriert und mit viel Freude einen literarischen Eindruck nach dem nächsten. Dann wiederum fehlen mir wochenlang die Worte und der Antrieb.
Viele Texte liegen nun schon über Monate quasi fertig im System. Sie warten nur auf den letzten Schliff – vielleicht das Bild oder die bibliographischen Daten. Ich merke, dass der Alltag wieder zehrender wird. Es ist nicht mehr so leicht, mir ein paar Stunden konzentriertes Lesen und Schreiben abzuzwacken. Ich hoffe, ihr mögt es mir verzeihen und trotzdem weiterhin hier lesen. Auch wenn auf Instagram schon längst ganz andere Titel gezeigt werden. :)

Jo Schück – Nackt im Hotel

Der Journalist und Moderator Jo Schück hat mit “Nackt im Hotel” ein Sachbuch mit fiktionalen Einschüben über die gesellschaftliche Bedeutung von Freundschaft. Er beleuchtet, fast wie in einer wissenschaftlichen Arbeit – verschiedene Aspekte und Ausprägungen von Freundschaft und den Wandel des Freundschaftsbegriff. Dabei sieht er auch Liebesbeziehungen als eine Ausprägung von Freundschaft. In den vorangestellten erzählenden Teilen zeigt er junge Menschen in sehr urbanen WG-Konstellationen, deren freundschaftliche Verbundenheit sie durch sehr gute wie auch schwere Zeiten begleite.
So sehr ich seinen Schreibstil und auch etliche seiner Thesen sehr gut finde – er war leider inkonsequent in der Nutzung der inkludierenden Schreibweisen. Das hat mich beim Lesen immer wieder stolpern lassen. Zudem war der Aufbau der Kapitel nicht immer konsequent und die Thesen nicht alle gleich stark. Ich kann es empfehlen, aber mit Abstrichen in der B-Note.

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Tayari Jones – Das zweitbeste Leben

Zwei Mädchen – im gleichen Alter mit dem gleichen Vater, doch es ist ihnen verboten sich zu sehen. Eine ist die offizielle Tochter, die andere die geheime ein paar Straßen weiter. Ein Mann hat zwei Frauen und die erste Ehefrau weiß von der Zweifamilie nichts. Doch die geheime Tochter wächst mit dem Wissen auf, dass sie die “Zweittochter” ist. Was macht das mit einem Menschen? Wie sehr sehnt man sich nach Anerkennung? Kann man die Halbschwester ohne Neid betrachten?
Tayari Jones erzählt von diesen beiden sehr unterschiedlichen Mädchen und auch ihren Müttern, beide hart arbeitend und auf ihre Weise verbittert. Sie beleuchtet deren vier Leben Leben, die sich alle um die Anerkennung eines Mannes herum aufbaut, der beiden Mädchen ein Vater sein möchte, Verantwortung tragen will. Einem farblosen, eigentlich uninteressanten Kerl, der aber die Leben von vier Frauen prägt. Man erwartet, dass sich eine Person in diesem Geflecht als der oder die schuldige herauskristallisiert. Dass man einen Anfangspunkt findet, ab dem dieses Durcheinander von einer normalen Beziehung in die Schräglage rutschte. Dass die Verführerin auf den Plan trat und die erste Ehe gefährdete. Doch je mehr man über die Figuren erfährt, in ihre Geschichten eindringt, bekommt jede Figur eine eigene komplexe Vorgeschichte, ein eigenes sehr plausibles Schicksal und einen sympathischen Zug. Unwissen, strikte Moralvorstellungen und der Wunsch es besser als die vorangehende Generation zu machen treiben alle an. Dabei verstricken sie sich immer wieder in alten Mustern und tragen ihren Teil dazu bei, dass niemand wirklich glücklich ist. Und das alles wird so spannend erzählt, dass ich das Buch kaum beiseite legen wollte.
Der Umgang mit Moral, Doppelmoral und wie in feinen Nuancen die Bedeutung der afroamerikanischen Herkunft in die Geschichte gewoben wurden, hat mich sehr beeindruckt.Selten gelingt es einem Autor oder einer Autorin, alle Figuren mit so viel Wärme oder Verständnis zu zeichnen. Ein sehr guter, ruhig erzählter Roman, der nachklingt.

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Andreas Izquierdo – Schatten der Welt

Im Zuge des “Dicke Bücher Camps” habe ich zu diesem Buch gegriffen, das mich normalerweise aufgrund eben seiner Dicke von über 530 Seiten abgeschreckt hätte. Doch nach wenigen Seiten wusste ich: Selten hat mich die Seitenzahl so wenig gestört! Denn Andreas Izquierdo erzählt mit einer solchen angenehmen, flüssigen Art, dass man hier von einem richtigen Schmöker sprechen kann. So düster die Erfahrungen der drei Protagonist*innen auch ist: Man wird nicht müde ihnen zu folgen. Mit einem Glück und ihrer schelmenhaften Art gelingt es den drei Freund*innen Carl, Artur und Isi bereits mit 15/16 Jahren ihr erster Coup: Sie verdienen an der Angst und dem Aberglauben ihrer Mitmenschen, indem sie OP-Masken zum Schutz gegen den Halleschen Kometen verkaufen. Mit diesem Geld beginnen sie ihr gemeinsames LKW-Imperium aufzubauen und – noch minderjährig – ihren Familien ein besseres Leben zu ermöglichen. Bis der Krieg (erste Weltkrieg) und somit der Kriegsdienst kommt. Die drei Freunde werden getrennt und die beiden jungen Männer, inzwischen kaum 19 Jahre alt müssen die Westpreußische Heimat verlassen und ihren Weg durch die bitteren Kriegsjahre finden. Carl gerät als Fotograf in die Kriegspropaganda-Maschinerie und Artur stellt sich an vorderster Front dem Wahnsinn des Krieges. Auch Isi kämpft an der Heimatfront mit den Frauen für eine Verbesserung der eigenen Lage gegen den Großgrundbesitzer und für die Frauenrechte.

Facetten- und einfallsreich erzählt Andreas Izquierdo von diesen drei vollkommen unterschiedlichen Schicksalen, die vom Krieg getrennt werden und alle durch ihren Einfalls- und Gaunertum überleben. Man hat das Gefühl, als lese man ein modernen Schelmenroman, der Till Eulenspiegel mit feministischen Elementen.

Leicht und süffig geschrieben, amüsant und trotz aller düsterer Ereignisse voller Witz und Charme. Ein richtiges Urlaubsbuch.

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Eure Mareike