Evie Wyld – Die Frauen

Evie Wyld – Die Frauen

Was, wenn an einem Ort all die Geister der über Jahrhunderte hinweg misshandelten und getöteten Frauen noch da und sichtbar wären? Wenn man sich bewusst machen würde, wie viel Leid sich an einem kleinen Flecken Erde über all die Jahre, seit Menschen ihn besiedeln, sammeln kann. Was würden wir sehen?

Dieser Frage widmet sich der hervorragende Roman von Evie Wyld. In einer Mischung aus Generationenroman und Gothic Novel werden die Schicksale sehr unterschiedlicher Frauen aus verschiedenen Jahrzehnten und Jahrhunderten erzählt.

Im Zentrum des Romans steht ein zugiges Haus am schottischen Meer und die Frauen, die es bewohnten. Als Ruth Hamilton nach dem Zweiten Weltkrieg es mit ihren zwei Stiefsöhnen und ihrem Ehemann bezieht, ist sie sich sicher, dass in diesem Haus etwas nicht stimmt. Die Stimmung ist bedrückend und mehr als einmal scheint sie aus den Augenwinkeln ein Mädchen zu sehen.
Doch fällt es ihr insgesamt schwer, mit der dörflichen Abgeschiedenheit und der Isolation umzugehen. Ihr fehlt London und die seltsamen Rituale des Örtchens verstören sie.
Auch ihre Urenkelin Viv wird über ein halbes Jahrhundert später von den Geistern der Vergangenheit heimgesucht. Doch spürt sie selbst nichts dergleichen. Es ist eher die mysteriöse Außenseiterin Maggie, die die Schatten des Hauses richtig zu deuten vermag. Denn Viv ist zunächst zu sehr mit ihrem Single-Dasein und der eigenen Ziellosigkeit zu sehr beschäftigt, um die Schwingungen des Ortes richtig zu spüren. Gleichzeitig nähe


Mal episodenhaft eingeflochten, mal über mehrere Stationen begleitend, gleiten die Geschichten all dieser Frauen fast geisterhaft an einem vorbei. Mal gruselig, mal schockierend, mal traurig sind sie. Wir erfahren viel über die menschliche Natur und das, was ein Frauenleben zählt.
Die Motive scheinen unterschiedlich zu sein: Mal geht es um eine unglückliche Ehe, mal das Ausnutzen von Dienstverhältnissen oder gar um den Vorwurf der Hexerei. Und doch wird mit jeder Geschichte deutlicher: Es geht um die Macht von Männern. Sei es der aufdringliche Ex, der seiner Wut freien Lauf lässt oder der gelangweilte Herrschaftssohn, der genau weiß, dass das Dienstmädchen nicht schreien wird – stets ist es eine Mischung aus Machtmissbrauch und Grenzüberschreitung.

Es ist ein Buch, das einem regelmäßig einen kalten Schauer über den Rücken jagt. Die Geschichten lassen einen nicht los, auch wenn man sie schon hunderte Male so oder ähnlich in den Nachrichten gehört zu haben scheint: Es sind Familendramen, Verbrechen aus Leidenschaft oder eskalierte Beziehungsstreits, wie es so schön euphemistisch heißt. Und doch hängen sie zusammen, all diese Einzeltaten.

Maggie beschreibt es sehr treffend als den größten Serienmord der Geschichte. Und je mehr man all diese blassen Frauengesichter an sich vorbeiziehen lässt, umso mehr glaubt man ihr. Selten hat ein Roman dies so auf den Punkt gebracht. Selten so präzise ein jahrhundertealtes Spiel in einer Geschichte eingefangen. Vielseitig, sprachlich schnörkellos und mit einem Hauch 18. Jahrhundert-Gothic-Touch ist dieser Geisterroman einer der der besten Romane, die ich je gelesen habe.

Eure Mareike


Evie Wyld – Die Frauen
Übersetzt von: Tanja Handels
Verlag: Rowohlt
Gebunden, 512 Seiten