Emma Cline – The Girls

Emma Cline – The Girls

Als The Girls, das Debüt von Emma Cline, eher durch Zufall auf meinem Lesestapel gelandet ist, hatte ich es bei den Vorschauen zwar gesehen, aber beinahe überblättert. Das wäre wirklich fatal gewesen, denn dieses Buch ist unglaublich gut!
Bereits nach den ersten Seiten wusste ich, dass ich da etwas ganz Besonderes in den Händen halte. The Girls ist ein Roman mit Suchtfaktor. Und wirft man einen Blick nach Amerika, dann bin ich definitiv nicht die einzige, die diesem Buch verfallen ist.
Es geht um die vierzehnjährige Evie, ein gelangweiltes und etwas unsichereres Mädchen aus gehobenen Kreisen in den späten Sechziger Jahren, das sich von seiner Kindheit verabschiedet. Als sie zum ersten Mal die Mädchen-Clique um die wölfisch-schöne Suzanne entdeckt, ist sie sofort fasziniert. Den Hippie-Mädchen in ihren abgeschnittenen Shorts, dem schmuddeligen Äußeren und der intensiven Vertrautheit ist sie sofort verfallen. Als die sie schließlich zum ersten Mal auf die abgelegene Farm mitnehmen, auf der sie als Kommune leben, erkennt Evie erst sehr langsam das Ausmaß dieser Parallelgesellschaft. Hier dreht sich alles um Russell, den charismatischen und hypnotischen Anführer, dem alle hörig zu sein scheinen.

Der Roman beginnt mit einem Knall. Genauer gesagt mit einem brutalen, sadistischen Verbrechen, das für Jahrzehnte das Bild von Sekten und Hippie-Kommunen prägen wird. Durch die eindringliche und zugleich bestechend ehrliche Erzählperspektive bekommt die beschriebene Szenerie einen gruseligen Anstrich. Als Leser fühlt man sich in seiner Sensationsgier ertappt. Natürlich will man mehr über die Taten, die Täter und die blutigen Details erfahren. Hier endet das erste Kapitel und man lernt nun die Ich-Erzählerin und Protagonistin Evie kennen.
Doch Evie, inzwischen eine alte, einsame Frau, enthüllt nur stückweise die Ereignisse und ihre Verbindung zu den grausamen Ereignissen aus ihrer Jugend. Ruhig, selbstkritisch und mit einer gewissen nachsichtigen Ungläubigkeit für die eigene Naivität erzählt sie von dem Sommer, in dem sie fast ein Teil einer sektenhaften Hippiekommune geworden ist.

In diesem Sommer 1969 ist in einer Nacht ein brutales Verbrechen begangen worden, das erst nach und nach genauer enthüllt wird. Doch über dem ganzen Roman liegt die knisternde Spannung, die das blutige Finale vorausdeutet. Wie ein Gewitter, das sich langsam in der Luft ansammelt, spürt man in jedem Kapitel das Unheil langsam näher kommen. Die naive Faszination bringt Evie immer mehr dazu, Dinge zu tun, durch die sie aus ihrem bürgerlichen Leben ausbricht. Um Suzanne zu gefallen, ist sie bereit zu stehlen, zu lügen und sich Stück für Stück von ihrem alten Leben zu lösen.
Man wird einfach in Evies Erinnerungen gesogen und kann das Buch kaum aus der Hand legen. Ja, ich habe zweimal meine Haltestelle verpasst. Mehr muss ich wohl nicht dazu sagen.

Fazit


Für mich einer der wenigen berechtigten Hypes. Ob er auch in der amerikanischen Intensität nach Deutschland schwappt, wird sich zeigen. Emma Cline hat ohne Zweifel ein fantastisches, hypnotisches Debüt verfasst, das jede Aufmerksamkeit verdient.

kleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefüllt

Eure Mareike

Weitere Besprechungen findet ihr bei:

Leseschatz und Lecture of Life


Emma Cline – The Girls
Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch: Nikolaus Stingl
Verlag: Hanser
Gebunden, 352 Seiten, 22 Euro