Elina Penner – Nachtbeeren

Elina Penner – Nachtbeeren

Nelli ist fort an diesem Morgen. Sie hat das Haus verlassen und ihren Teenagersohn Jakob zurückgelassen. Allein in seinem Zuhause und dem, was in der Tiefkühltruhe ist. Jakob weiß, dass es ein Moment ist, in dem nur die Familie helfen kann. Denn russische Mennoniten halten zusammen. Also ruft er seinen Onkel Eugen an. Onkel Eugen ist der einzige aus der Einwandererfamilie, der es „geschafft“ hat: Er hat studiert, ist in die Großstadt gezogen. Und doch ist er auch der einzig kinderlose in dem Clan. Doch für Jakob ist er sein Lieblingsonkel, ein Vertrauter. Also kann er ihm zeigen, was er an diesem Morgen in der Tiefkühltruhe gefunden hat.

Damit beginnt eine Geschichte aus verschiedenen Perspektiven. In einer Mischung aus Retrospektive wird das Leben von Nelli und ihren vier deutlich älteren Brüdern erzählt. Von dem Leben mit kriegstraumatisierten Groß- und Urgroßeltern, von gefühlskalten, überforderten Eltern, die keine Geduld mit einem Nachzüglerkind hatten. Von dem Leben in einem Land, das nie so ganz das eigene wird. Die Flucht in eine Glaubensgemeinschaft als die einzig logische Hoffnung auf Ruhe und Struktur.

Wir erfahren aber auch etwas über Nellis Ehe und ihre verzweifelten Versuche, die Generationstraumata und auch den brutalen Alltag ihrer Ehe nicht an Jakobs Seele heranzulassen.

Elina Penner erzählt in ihrem Debüt ein Mehrgenerationenstück, das sich fast wie ein Kammerspiel liest. Denn die Handlung komprimiert sich auf diesen einen Montagmorgen, als Jakob erwacht und niemand ist im Haus. Wie in einem Theaterstück wartet man auf das Erscheinen der Protagonistin, um Antworten zu erhalten. Doch auch wie im Theater fällt der Vorhang in dem Moment, wenn sie die Bühne betritt. Und wir – die Leser*innen – sind ein Publikum, das bestimmte Informationen nur erahnen kann. Ausgesprochen werden sie nicht. Und so bleibt das Geheimnis der Tiefkühltruhe eins, mit dem man als Leser*in leben muss. Einige Fäden werden fallen gelassen und nicht bis zum Ende verfolgt. Es werden Themen, wie die Erlebnisse während und nach dem Zweiten Weltkrieg, angedeutet, doch Vieles bleibt unausgesprochen.

Wie es so schön von der Autorin zu Beginn beschrieben wird: Man braucht eine Menge Zucker, um die Bitterkeit der Nachtbeeren zu überdecken, doch ein bitter Nachgeschmack bleibt. So ist es auch mit diesem Buch: Es entlässt einen mit einem etwas unbefriedigendem Gefühl.


Elina Penner – Nachtbeeren
Verlag: Aufbau Verlag
Gebunden, 248 Seiten