Ein Baum wächst in Brooklyn

Ein Baum wächst in Brooklyn

Dieser Roman ist ein Klassiker, der bereits viele Generationen von Menschen beeindruckt hat. In der Neuübersetzung von Eike Schönfelder und einer wunderschönen, hochwertigen Neugestaltung ist sie nun beim Insel Verlag erneut erschienen. Es handelt sich um einen klassischen Entwicklungsroman. Es werden die Kindheit und die schwierigen Verhältnisse beschrieben, aus denen dieses kleine Mädchen entstammt. Das Schulsystem und die fehlende Förderung für Kinder aus sozial schwachen Familien wird sehr intensiv beschrieben.
Doch wird der Ton nie wehleidig oder gar anklagend. Die Familie rund um das kleine schlaue Mädchen Francie hat einen unerschütterlichen Glauben an die Zukunft. Sei es nun die Tante, die trotz zahlreicher Fehlgeburten nie aufgibt, oder die Mutter, die trotz Alkoholikermann und mehreren Kindern ihre Familie quasi im Alleingang durchbringt, oder schliesslich Francie selbst, die früh ihre restliche Familie intellektuell überflügelt und die enge Welt ihrer Heimatstraße zu entfliehen träumt. Sie alle kämpfen, finden neue Wege und Möglichkeiten, sich langsam hochzuarbeiten. Jeder Rückschlag rückt die Familie enger zusammen, lässt sie intensiv zusammenarbeiten und einfach einen neuen Weg einschlagen.
Aus heutiger Sicht ist es schockierend, wie früh Kinder hier mitarbeiten und Verantwortung übernehmen müssen. Die Kindheit – nach heutigen Maßstäben – endet früh. Eltern können sich nur wenig um ihre Kinder kümmern. Sie lungern auf den Straßen rum, versuchen mit Müllsammeln und anderen Tricksereien das Familieneinkommen um wenige Pennies aufzustocken und tragen dabei stets die Verantwortung für die noch kleineren Geschwister.

Ein Kaleidoskop aus Geschichten von skurril, heiter bis hin zu düster und berührend – Betty Smith erzählt in ihrem mehrbändigen Roman über das Leben in den ärmsten Häusern Brooklyns der 20er und 30er Jahre. Sie bringt einem eine Welt nahe, die so weit weg von der eigenen Lebensrealität ist, dass man sich nur schwer in das Schicksal dieser Menschen einfühlen kann. Und doch fühlt man sich der kleinen Francie nahe, wenn sie wieder wie eine Ausgehungerte in die Bücherei geht und sich die Welt durch Bücher zu eigen macht. Wie sie selbst dank dieses Wissens und ihres eigenen Wissenshungers die engen Grenzen ihrer Schicht überwindet.
Ich war sehr traurig, als das Buch gerade da endete, als es für mich richtig spannend zu werden schien: Als aus dem Mädchen eine junge Frau voller Möglichkeiten und Talente wurde. Zu gern hätte ich sie noch ein paar Jahre begleitet.
So oder so bin ich mir aber sicher, dass mich “Ein Baum wächst in Brooklyn” über viele Jahre bleiben wird. Dieses Buch ist keins, das man nur einmal liest. Es ist eins, das man alle paar Jahre zur Hand nimmt und sich erneut in diese fremde Welt verliebt.

Eure Mareike

Übrigens hat “Ein Baum wächst in Brooklyn” nicht nur mich begeistert, auch bei  Masuko13 und Nordbreze findet ihr schöne Besprechungen dazu.


Betty Smith – Ein Baum wächst in Brooklyn
Übersetzt von Eike Schönfelder
Verlag: Insel
Gebunden, 621 Seiten