Ein Abend mit Alex Capus auf der Schatzinsel

Ein Abend mit Alex Capus auf der Schatzinsel

Zur Zeit findet in Hamburg das Harbour Front Festival statt, dessen Programm ich euch bereits vor Kurzem vorstellte. Letzten Samstag habe ich die Lesung von Alex Capus besucht. Vor einigen Jahren habe ich Leon und Louise gelesen und war recht angetan von der leichten Erzählweise, den stimmungsvollen Beschreibungen und dem titelgebenden Liebespaar. Dann erschien Der Fälscher, der Spion und der Bombenbauer, was erschreckende zwei lange Jahre her ist. Ich habe es bis heute nicht geschafft zu lesen.harbour_front_logo_2015

Capus_24899_MR1.inddAls ich dann in der Vorschau von Hanser von Reisen im Licht der Sterne las, war ich überrascht: Ein Buch über Robert Louis Stevenson und sein berühmtestes Werk Die Schatzinsel sollten im Fokus stehen. Das konnte ich für mich kaum mit Leon und Louise zusammenbringen.
Ich muss dazu sagen, dass ich Die Schatzinsel mehrfach gelesen habe. In unterschiedlichen Versionen, diverse Filme und eine Anime-Serie gesehen habe, die auf diesem Stoff beruht. Dieses Buch ist die Mutter aller Piraten- und Schatzsucherromane und ich bin absolut davon überzeugt, dass seine Sogkraft auch nach fast 150 Jahren ungebrochen stark ist. Es ist eindeutig die Keimzelle für ein ganzes Genre. Nicht ohne Grund gibt es unzählige Verfilmungen, Fortsetzungen und ähnliche Geschichten. Deshalb kommt schon die Frage auf: Was hat Alex Capus neues zu diesem Stoff zu sagen, was bisher noch nicht X mal gesagt wurde?

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© Marco Grob

Deshalb besuchte ich am vergangenen Samstag seine Lesung auf dem Harbour Front Festival. Nein, eigentlich ist das schon falsch! Alex Capus hat nicht gelesen. Er hat eine grandiose Stand-up-Buchvorstellung präsentiert. Er betrat die Bühne und leitete den Abend damit ein, dass er das Buch nicht dabei habe. Er bräuchte es nicht, schließlich habe er es geschrieben. Entspannt und ein wenig spitzbübisch begann er nun mit seinem Schweizer Dialekt zu erzählen, warum er auf keinem Fall über Robert Louis Stevenson und Die Schatzinsel schreiben wollte.
Spätestens an dieser Stelle hatte er den gesamten Saal in seinen Bann gezogen. Hier stand ein Geschichtenerzähler vor uns. Kein klassischer Wasserglas-Lesungsautor. Nein, ein Mann, der seine Geschichten lebt und sich für sie begeistern kann.
Es folgt eine spannende Reise ins Leben des jungen, immer kränklichen Robert Louis Stevenson. Einem Mann, der schon früh erkennt, dass er musisch veranlagt ist und Schriftsteller werden möchte. Doch ihm fehlt das große Thema – der richtige Grund zum Schreiben. Also begibt er sich auf Reisen, verliebt sich in eine verheiratete, zehn Jahre ältere Frau und reist ihr nach Amerika nach.
All das beschreibt Capus mit so viel Detailverliebtheit und fundiertem Hintergrundwissen, dass man ihm einfach glauben muss. Man wird neugierig auf diesen rätselhaften jungen Mann, auf seinen Leben und vor allem – die Rätsel und Leerstellen in diesem. Denn nach und nach enthüllt uns Alex Capus an diesem Abend eine unheimlich spannende Theorie: Was ist, wenn Robert Louis Stevenson selbst die reale Schatzinsel gefunden hat?
Doch genau an dieser Stelle laufen all seine Handlungsstränge zusammen, die er mühelos in seinem mündlichen Vortrag gleichzeitig jongliert hat. Der Saal bleibt atemlos und amüsiert zurück. Dann folgt tosender Applaus – langer Applaus.
Und ich habe für mich drei Dinge feststellen können
1. Ich muss dieses Buch unbedingt lesen!
2. Alex Capus ist vollkommen anders als ich je erwartet hätte.
3. Es gibt Lesungen, die überraschen, begeistern und einem einen tieferen Einblick in ein Buch vermitteln und einen absoluten Mehrwert darstellen.

Dieser Abend hat sich mehr als gelohnt.
Habt ihr auch schon mal eine solch unterhaltsame Lesung besucht?
Kennt ihr Capus und seine Bücher?

Eure Mareike